Gewohnheiten ablegen: Neugier und Verständnis statt Widerstand
Shownotes
In diesem Gespräch geht es um den Moment nach den Vorsätzen: wenn erste Erfolge da waren – und dann Stress, Anspannung oder alte Impulse wieder auftauchen.
Wir sprechen darüber, warum Veränderung nicht geradlinig verläuft und weshalb genau das kein Zeichen von Versagen ist, sondern Ausdruck menschlicher Lernprozesse. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Umgang mit innerem Widerstand und der Frage, wie wir auf Stress reagieren.
Themen des Gesprächs sind unter anderem:
- wie Stress alte Gewohnheiten reaktiviert
- warum gedankliche Kontrolle und „Management“ oft eher Druck erzeugen
- weshalb kurze Pausen und Nicht-Reagieren wirksam sein können
- der Unterschied zwischen Ablenkung und echter Selbstfürsorge
- die Rolle des Körpers im Umgang mit Anspannung
- Neugier als Alternative zu Kampf und Gegensteuerung
Das Gespräch lädt dazu ein, Gewohnheiten nicht als Gegner zu betrachten, sondern als Signale – und Veränderung als einen lebendigen Prozess, der Aufmerksamkeit, Spielraum und Verständnis braucht.
Weitere Informationen: https://dittmar-kruse.com/re-source
Transkript anzeigen
00:00:01: B: Vielleicht nehmen wir noch mal das Beispiel her, wenn man jetzt es einmal nicht schafft,
00:00:07: jetzt sozusagen wieder in diese alte Gewohnheit reinrutscht, dann – nicht bei mir,
00:00:12: bei vielen bekannten Freundinnen und Freunden – könnte es sein, dass sich Gedanken wieder melden,
00:00:19: ja, was man eh schon wieder falsch gemacht hat, man hat’s wieder nicht hinbekommen … Das heißt,
00:00:23: es kann passieren, dass sich eigentlich so diese eher negative Spirale diese alten … das noch
00:00:29: verstärkt wird durchs Denken. Und gleichzeitig kann das sein, wenn man es jetzt sozusagen in
00:00:34: die andere Richtung betrachtet, dass es dann irgendwie auch sich ganz anders anfühlt und das
00:00:39: halt mehr wird, wenn man das halt öfters schafft. Und was ich da spannend finde,
00:00:44: ist auch wieder diese Polarität irgendwie von das Denken „entweder-oder“. Aber es gibt halt
00:00:50: auch diesen Spielraum dazwischen, wo … der viel liebevoller ist oder wo man das ein bisschen,
00:00:57: ja, unpersönlich betrachten kann, oder? Dass es manchmal halt funktioniert und
00:01:01: manchmal halt nicht, und dass das halt dazu gehört auch zu dieser Veränderung.
00:01:05: D: Absolut. Und besonders deutlich ist das bei Gewohnheiten, die nicht so ein ganz
00:01:12: klares „nie wieder“ haben. Das kann sein, wenn man alkoholsüchtig ist, dass es ist:
00:01:20: nie wieder Alkohol trinken, und dass das eine wirklich gute Entscheidung sein kann,
00:01:24: oder nie wieder Zigaretten rauchen und so. Und dann gibt's aber diese Sachen wie z.B. weniger
00:01:31: essen oder gesünder essen oder sowas, wo es ist: Wir können – sehr wenig Leute können sagen:
00:01:37: Nie wieder essen. Und ein ähnliches Beispiel wäre Medienkonsum. Wenn wir sagen, okay, nie wieder
00:01:45: Smartphone, dann wird es halt schon sehr utopisch, sehr lebensfremd, in unserer Zivilisation
00:01:54: zumindest. Und dann kann es immer sein: „Okay, jetzt bin ich doch ein bisschen länger …, z.B.
00:01:59: hab mir Videos angeschaut auf YouTube, die waren mega interessant. Bernd und Dittmar, super Videos!
00:02:06: B: Und dann habe ich mir gleich alle Folgen reingezogen!
00:02:09: D: Und dann habe ich mir alle Folgen reingezogen, und eigentlich war mein
00:02:12: Plan nur eine halbe Stunde, und jetzt bin ich aber doch länger dran gesessen.
00:02:15: B: … und bin Abonnent und hab kommentiert!
00:02:19: D: Und das hat mich total glücklich gemacht. Ja, der Sinn des Lebens. Da haben wir ihn. … dann kann
00:02:28: das sein, dass – wie du es angesprochen hast –, dass da was anspringt, was uns Vorwürfe macht und
00:02:35: sagt: „Okay, ich habe ich habe versagt, ich bin gescheitert“ oder sowas. Und zu wissen:
00:02:39: So ist halt das Leben, dass es nicht die ganze Zeit ultraalinear vorangeht,
00:02:43: sondern dass wir oft irgendwie so bisschen in Schlangenlinien unterwegs sind, und dass,
00:02:48: wenn wir das nicht berücksichtigen, dass es sofort wieder ein Argument wird für die alte Gewohnheit,
00:02:55: wie vorhin gesagt: „Okay, jetzt habe ich meine Morgenroutine unterbrochen. Toll, jetzt bin
00:03:00: ich wieder ganz am Anfang!“ Nein, das war ein Ausrutscher. Und das als Argument zu nehmen für
00:03:08: die alte Gewohnheit ignoriert halt: „Okay, und bisher ist es aber ziemlich gut gelaufen.“ Das
00:03:14: war jetzt nur ein Moment der Schwäche. Und oft kommen diese Momente der Schwäche z.B.
00:03:19: wenn wir krank sind und nicht die Energie haben für joggen oder wenn
00:03:24: sonst irgendwie wir gestresst sind und die Tendenz haben, den Überblick zu verlieren.
00:03:29: Deswegen, was ultra hilfreich ist, um nicht wieder auf alte Gewohnheiten reinzufallen,
00:03:35: ist, wenn die sich melden und wenn die echt dringend wirken, ja, so: „Ich brauche jetzt eine
00:03:40: Zigarette“ oder so, dann ein bisschen zu warten. Einfach nur nichts zu machen. Es geht nicht darum,
00:03:47: irgendwie dann zu sagen: „Nein, ich werde nie wieder!“ und dagegen anzukämpfen,
00:03:51: sondern zu merken: Okay, da meldet sich ein Gegner und wenn der sich heftig meldet,
00:03:56: ist es wie Endgegner im Videospiel, Endgegner für dieses Level. Und die Antwort darauf ist
00:04:04: oft nur zu warten, eine Minute, 2 Minuten und dieser „Anfall“ sozusagen klingt ab.
00:04:13: Und das zu wissen ist einfach „okay, wenn ich in 2 Minuten unbedingt immer noch
00:04:19: eine Zigarette brauche, dann reden wir weiter.“ Aber die Erfahrung zeigt für die meisten Leute,
00:04:25: das klingt wirklich wieder ab. Diese Vorstellung von „Ich brauche das jetzt“ löst sich halt
00:04:31: auch wieder auf, dadurch, dass wir z.B. drauf achten: „Okay, was ist die Show, die da abläuft,
00:04:36: die mir das einreden will? Ich brauche jetzt eine Zigarette, die ich die letzten drei,
00:04:43: vier Wochen nicht gebraucht habe. Was passiert, wenn ich dem nicht folge?“
00:04:54: Was da hilft, ist z.B. diese Neugier. Wie gesagt, es ist Teil vom Menschsein,
00:04:59: Gewohnheiten abzulegen und auch kennenzulernen: Was sind denn Gewohnheiten eigentlich und wie
00:05:06: melden die sich und wie lösen die sich auch wieder auf? Und diese Neugier hilft einfach, nicht sich
00:05:13: hypnotisieren zu lassen von der Stimme oder von der Vorstellung, die uns versucht einzureden:
00:05:20: „Ich brauche das jetzt.“ Ja, weil wenn ich es jetzt nicht habe, was passiert dann?
00:05:26: Wenn ich jetzt keine Chips esse, wenn ich jetzt keine Zigarette rauche,
00:05:29: was passiert dann? Fall ich dann tot um oder was? Einfach nur so: Ja, dann beruhigt sich‘s wieder.
00:05:42: Und was da hilft z.B. ist dieser Sprung in eine sehr nahe Zukunft. In ner Viertelstunde
00:05:51: bin ich entweder enttäuscht von mir und habe wieder diesen Dialog, der sagt: "Ja,
00:05:55: toll, nichts kriegst du hin." Ja, oder ich bin stolz darauf, dass ich diesen
00:06:03: Endgegner besiegt habe – und besiegt einfach dadurch, dass ich ihm nicht gefolgt bin.
00:06:12: Und oft ist es so, dass diese Gewohnheiten halt geankert sind, verbunden sind mit z.B.
00:06:18: einem körperlichen Stress und dann uns davon ablenken wollen. Und wenn wir diese Ablenkung
00:06:28: nicht haben, dann wird dieser Stress spürbar. Aber dann, was wir dann fühlen,
00:06:31: ist einfach ein Gefühl im Körper, z.B. eine Anspannung. Und wir tun uns das halt nicht an,
00:06:38: dass wir hinterher auch noch unzufrieden mit uns sind und umso mehr gestresst sind.
00:06:43: Sondern wenn wir das fühlen: Ja, da ist eine Anspannung im Körper, wo ist denn die? Z.B.
00:06:47: in den Schultern. Ja, guter Grund, die Schultern zu fühlen und vielleicht ein bisschen locker zu
00:06:52: lassen, den Atem zu fühlen und vielleicht ein bisschen weicher oder tiefer zu atmen. Und
00:06:59: das dem Körper zu geben oder ihm zu erlauben, dass er dahinfindet, was ihm wirklich gut tut,
00:07:06: statt ihn mit irgendeinem Ersatz abzuspeisen – das ist halt hilfreich.
00:07:14: Und was wir da lernen, ist eine Art von Selbstfürsorge,
00:07:19: die eben kein Abspeisen ist, sondern die zurück zum ursprünglichen Erleben geht sozusagen.
00:07:26: Wenn es darum geht, z.B. “Ah, ich bin so gestresst, jetzt brauche ich
00:07:30: eine Zigarette.“ – Ist das was, was wir unseren Kindern empfehlen würden? „Mei,
00:07:34: bist du gestresst? Hier hast du eine Zigarette!“ und als Kind sind wir bisschen rumgesprungen
00:07:40: oder haben uns hingelegt oder was auch immer und haben das auf eine sehr natürliche Art reguliert,
00:07:46: bevor wir das indirekt durch so eine Art Selbstmanipulation gemacht haben, wie z.B.
00:07:51: Zigaretten oder Alkohol oder Süßigkeiten oder Chips.
00:07:57: B: Selbstfürsorge ist ein wunderschönes Wort. Und auch was du jetzt beschrieben hast,
00:08:05: da poppt bei mir auf so diese mal Check-Ins oder mal zu schauen,
00:08:10: wie geht's mir überhaupt? Was ist da in mir? Weil erst dann kann überhaupt,
00:08:14: glaube ich, aus diesem Automatismus, was zu brauchen, ein bisschen rauskommen.
00:08:21: D: Ja.
00:08:23: B: Weil ich kenn es halt auch nur von mir: Manchmal ist es schon so – dieses
00:08:30: Wort werden wir heute auch noch besprechen, Stress –, ist halt so,
00:08:35: dass es dann echt manchmal nicht so einfach ist zurückzutreten, sondern weil es so präsent
00:08:40: wirkt und so groß wirkt auf einmal und so ein Durcheinander oder ein Zuviel-Gefühl verursacht,
00:08:50: dass es dann nicht immer so einfach ist, da auch bewusst rauszutreten. Ich meine,
00:08:55: ich weiß auch aus eigener Erfahrung, dass das wirklich auch sich verändern kann und dass man
00:08:59: dann auch merken kann, wie gut es dann tut, wenn man es macht, und das dann auch verstärkt wird.
00:09:03: Aber wie gesagt, es ist jetzt nicht nur eine Veränderung ins Gute nach oben,
00:09:09: wenn man so beschreiben möchte, sondern es ist wirklich so eine Welle würde ich fast sagen,
00:09:14: die aber schon bei mir eher langsam, aber stetig so in eine eher schöne,
00:09:22: wenn man so beschreiben möchte, Richtung geht.
00:09:24: D: Ja. Ja, das ist das, da sind wir bei einer der größten Gewohnheiten überhaupt:
00:09:31: unsere Reaktion auf Stress, und der größte Teil von unserem Stress entsteht ja durch
00:09:41: eigene Gedanken. Und die Gewohnheit ist, auf Stress mit Gedanken zu reagieren und zu denken,
00:09:52: jetzt brauchen wir irgendwie ein gedankliches Management.
00:09:57: Und meistens ist das einfach halt drüber nachdenken, wie furchtbar die Zukunft wird
00:10:03: oder wie blöd das war, wie es gerade in der Vergangenheit abgelaufen ist.
00:10:08: Der Moment an sich ist eigentlich soweit okay, nur dass der Körper halt gestresst
00:10:14: ist von Gedanken an Zukunft oder Vergangenheit und mit irgendwas, womit das Denken unzufrieden ist.
00:10:21: Und die größte Gewohnheit, scheint mir, ist dieser Versuch, sich gedanklich vom Stress zu befreien
00:10:31: – was überraschend schlecht funktioniert im Vergleich zu wenn die Aufmerksamkeit einfach dem
00:10:37: Körper geschenkt wird, dem Erleben, wie es gerade ist. Dann hat der Körper einen viel größeren
00:10:47: Spielraum, sich zu regulieren, sich zu beruhigen, sich zu entspannen, wieder weiter zu werden.
00:10:55: Aber eingebaut in das Ganze ist halt die Enge, die oft mit dem Stress verbunden ist.
00:11:01: Auch dieser Tunnelblick, der da entsteht, wirklich, dass das Blickfeld sich verengt,
00:11:06: dass Gedanken sehr, sehr laut und sehr, sehr raumfüllend werden können und
00:11:11: dann eigentlich alles zu sein scheinen oder fast alles zu sein scheinen, was da ist,
00:11:18: nämlich: „Unverschämtheit!“ oder sonstige Sachen oder „Was bin ich für ein Depp!“
00:11:27: Und wenn die Aufmerksamkeit so beim Denken ist, dann gibt's halt die Tendenz, einfach weiter zu
00:11:35: denken, weil da muss ja die Lösung sein. Und gleichzeitig ist es so: „Okay, dann wende dich
00:11:41: halt dem Erleben zu!“, und dann ist es: „Ja, das Erleben fühlt sich aber gerade richtig blöd an.“
00:11:46: Ja, das wirkt nicht wirklich wie eine Einladung, hinzugehen zu einem angespannten Körper, der flach
00:11:54: und angespannt und so atmet, ja, und „aargh!“ Und aus dieser Denkaufmerksamkeit werfen wir einen
00:12:00: Blick auf den Körper sozusagen und sagen: „Na, das ist nicht schön, ich brauche jetzt was anderes.“
00:12:06: Und meistens ist dann einfach halt … bietet sich da halt z.B. eine Ablenkung an. Das ist muss
00:12:12: keine bewusste Entscheidung in dem Sinne sein, sondern einfach dem Körper geht's nicht gut und
00:12:17: das Denken stresst. Was kommt denn im Fernsehen oder auf Insta oder was auch immer? Ablenkung,
00:12:29: Chips, etwas, was beruhigt, so wie Schokolade, etwas, was sich wie eine Belohnung anfühlt oder
00:12:37: irgendwie einfach nur ein Symbol für „Ich tue mir jetzt was Gutes, ich bessere jetzt meine Lage.“
00:12:48: Funktioniert das wirklich? Nein, aber ist doch besser als nichts. Ja. und einfach nur da sein und
00:12:55: zu fühlen scheint halt nichts. Ja, jetzt liefere ich mich dem auch noch aus, dem Feind, dem Stress.
00:13:04: Und dann scheint der Stress, körperliche Stress, nicht mehr wie ein Feedback auf „Jetzt sind echt
00:13:10: viele Gedanken gerade im Spiel“ oder „ist einfach eine Menge Anspannung“. Sondern das
00:13:18: scheint das Feedback, was man irgendwie verändern kann, indem man es überdeckt.
00:13:26: Und diesen Mechanismus zu verstehen und zu verstehen: Ja,
00:13:29: dadurch kommt dieser ganze Stress und dadurch baut sich das auf,
00:13:33: weil wir nicht unmittelbar und nicht klar da drauf reagieren – anders gesagt,
00:13:41: dem Organismus nicht die Aufmerksamkeit schenken, dass der sinnvoll drauf reagiert,
00:13:46: sondern dass wir uns in so einen mentalen Raum zurückziehen, indem wir es entweder gedanklich
00:13:52: lösen oder uns einfach ablenken mit Texten anderer Leute: dem, was irgendjemand auf YouTube sagt.
Neuer Kommentar