Metaphern und der Platz des Denkens
Shownotes
Was sind Metaphern – und warum kommen wir im Erleben nicht um sie herum?
In dieser Folge sprechen Dittmar Kruse und Bernd Stadlober über Metaphern nicht als sprachliche Ausschmückung, sondern als grundlegende Struktur unseres Denkens, Fühlens und Wahrnehmens.
Metaphern werden hier als Übertragungen verstanden, durch die Erleben überhaupt erst Form annimmt – von sinnlicher Wahrnehmung bis zu inneren Beschreibungen wie „Muss“, „Ernst des Lebens“ oder „Spielraum“.
Das Gespräch erkundet, wie Freiheit entsteht, wenn wir erkennen, in welchen Metaphern wir denken und leben – und wie sich dadurch neue, stimmigere Spielräume öffnen.
Themen dieser Folge:
Metaphern als Grundlage des Erlebens Übertragung: von Sinnesdaten zu Bedeutung Tiefe Metaphern und räumliche Bilder (unter / über) Spielraum und Regeln Ernst des Lebens vs. Spiel des Lebens „Muss“ als Metapher – und ihre Wirkung Freiheit durch bewusstes Beschreiben Denken als Funktion, nicht als Boss
Ein Gespräch über Klarheit, Orientierung und Lebendigkeit jenseits von Optimierung und über das, was sich zeigt, wenn Metaphern erkannt – und nicht absolut gesetzt – werden.
🔹 Gespräch: Gespräch 1 🔹 Reihe: Re-Source: Leben als Spielraum
Grundlage der Reihe: Dittmar Kruse – Re-Source: Metaphern für Lebendigkeit
Weitere Informationen: https://dittmar-kruse.com/re-source
Transkript anzeigen
00:00:00: [B] Was ich jetzt gerne mit dir reden würde,
00:00:02: ist das Wort Metapher.
00:00:04: In dem Buch schreibst du auch sehr viel
00:00:07: über Metaphern. Es steht z.B. auch
00:00:10: als Untertitel „Metaphern für
00:00:11: Lebendigkeit“. Nimm uns bitte mit, lieber
00:00:13: Dittmar, auf die Reise in die Welt der
00:00:16: Metaphern.
00:00:18: [D] Ja, wir sind auf dieser – Reise ist an
00:00:20: sich ja auch wieder eine Metapher. Um es
00:00:24: anders zu beschreiben – auch das ist eine
00:00:25: Metapher: Wir kommen um Metaphern eh
00:00:27: nicht herum.
00:00:29: In der Linguistik ist der Begriff
00:00:32: Metaphern sehr eng. Also in dem Buch
00:00:34: habe ich dieses Beispiel Julia ist die
00:00:36: Sonne. Das ist aus linguistischer Sicht,
00:00:40: das sind Metaphern, dass über Julia
00:00:42: geredet wird, als wäre sie die Sonne.
00:00:46: Und im NLP und vielen anderen – auch
00:00:50: inzwischen im Businessbereich und so weiter –
00:00:53: wird unter Metapher Storytelling
00:00:55: verstanden, dass Geschichten erzählt
00:00:57: werden. „Ich hatte mal einen Kunden und
00:00:59: bei dem war das so und so, und der dachte
00:01:01: zuerst auch …“. Solche Geschichten oder
00:01:04: sonst irgendwelche Geschichten mit Moral
00:01:06: halt, ja, wo man dann was draus
00:01:10: lernen kann.
00:01:12: Metapher heißt eigentlich einfach nur
00:01:14: Übertragung,
00:01:16: und so gesehen ist schon unser ganzes
00:01:19: Erleben eine Metapher. Ich erzeuge
00:01:22: gerade Schallwellen, die dann auf
00:01:25: magische Art bei dir ankommen
00:01:29: und übersetzt werden in Bedeutung. Also
00:01:32: eine Übertragung
00:01:34: in was ähnliches; es ist nicht genau
00:01:37: dasselbe. Und so übersetzen wir
00:01:41: Photonen in Bilder.
00:01:44: Insofern ist alles Erleben an sich schon
00:01:46: eine Metapher, eine Übertragung
00:01:50: in eine Erlebenswelt.
00:01:53: Und dann haben wir diese
00:01:56: Tiefen Metaphern,
00:01:59: auch das eine Metapher von räumlicher
00:02:03: Tiefe,
00:02:05: wie z.B.,
00:02:07: dass wir unter etwas leiden oder uns
00:02:10: über etwas freuen.
00:02:13: Räumliche Metaphern: unter/über
00:02:15: und so. Also das ist was ich meine: Wir
00:02:17: kommen nicht um Metaphern herum, weil unser
00:02:20: Denken aus diesen
00:02:22: sinnlichen Urerfahrungen sich
00:02:25: zusammensetzt, wenn wir so
00:02:27: eine Baustein-Metapher
00:02:29: verwenden wollen. Also unser Erleben ist
00:02:33: metaphorisch
00:02:34: von den Sinnen her, die eine Übersetzung
00:02:38: von Rohdaten sind, um das in der Metapher zu
00:02:42: beschreiben,
00:02:43: zu den Worten, in denen wir dann denken,
00:02:47: in Worten denken, als wären Worte ein
00:02:50: Behälter,
00:02:52: das ist unausweichlich.
00:02:56: Und sich das bewusst zu machen
00:02:59: in welchen Metaphern wir denken
00:03:02: hilft
00:03:04: zu verstehen, welche Wirkung das hat,
00:03:07: diesen Fokus zu übernehmen, den eine Metapher
00:03:10: vorgibt und hilft auch zu wählen:
00:03:15: Was gibt's für andere Metapher und wie
00:03:17: fühlen die sich an und wie sieht die
00:03:19: Welt in dieser Metapher aus?
00:03:23: Und dadurch wird auch klar: Was ist das
00:03:28: Gemeinsame hinter all diesen Metaphern?
00:03:31: Was spiegelt sich in all diesen Bildern?
00:03:35: Was ist dieses
00:03:37: ursprüngliche Erleben? Was ist die
00:03:39: Quelle all dieser Metaphern?
00:03:42: Das heißt, sich mit Metaphern zu
00:03:44: beschäftigen, hilft frei zu sein von
00:03:46: Metaphern. Und es ist nicht „wir sollten
00:03:49: keine Metaphern haben“ oder so, das ist
00:03:52: wie „wir sollten keine Worte haben oder
00:03:55: kein
00:03:57: Erleben haben“.
00:03:58: [B] Und durch diese
00:04:02: Freiheit mit davon zu erkennen, kann man
00:04:04: ja überhaupt
00:04:06: die Metapher wählen, die vielleicht sich
00:04:09: lebensfreundlicher, liebevoller und
00:04:12: schöner anfühlt, als jetzt
00:04:15: Metaphern gefühlt ausgeliefert zu sein.
00:04:18: Ohne diese dieses Können, diese
00:04:20: Möglichkeit und das sehen und das
00:04:22: Erkennen der Funktion im Meta ist andere
00:04:24: gar nicht möglich.
00:04:27: [D] Ja, wir haben über Spielraum geredet;
00:04:30: Metaphern geben einen bestimmten Spielraum.
00:04:34: Wie gefällt mir dieser Spielraum? Was
00:04:36: ist in dem möglich?
00:04:39: Welche Freiheit gibt es in diesem
00:04:41: Spielraum?
00:04:45: So wie bei jedem Spiel gibt es Regeln.
00:04:49: Wie beim Fußball darfst du nur in
00:04:53: Spezialfällen die Hände benutzen,
00:04:56: und die Regeln machen das Spiel
00:04:58: überhaupt erst möglich. Oder wie sich
00:05:01: Musiker einigen oder sich drauf
00:05:05: einlassen, welch welches Lied gerade
00:05:07: gespielt wird.
00:05:10: Und innerhalb von diesem Lied gibt es
00:05:12: einen Spielraum, und ohne diese
00:05:15: Beschränkung
00:05:16: auf diesen
00:05:18: speziellen Spielraum gibt es keine
00:05:21: Freiheit.
00:05:26: [B] Ein Beispiel wär der Ernst des Lebens
00:05:29: als Metapher oder das Spiel des Lebens
00:05:34: der ist das ist ein riesen Unterschied,
00:05:36: ob ich jetzt den Ernst des Lebens durch
00:05:37: diese Metapher erlebe oder ob ich durch
00:05:40: die Metapher des Leben ist ein Spiel,
00:05:42: ein Spielraum.
00:05:44: [D] Genau. Und dann ist auch klar, auch das
00:05:48: ist kein Entweder-oder: „Das nimmst du
00:05:51: ernst?! Dann hast du das Spiel nicht
00:05:53: verstanden!“,
00:05:55: Sondern:
00:05:56: Ja, das ist ein Spiel, in dem es ernste
00:05:58: Momente gibt. Das ist
00:06:02: kein Ausschluss:
00:06:05: „Es sollte immer heiter sein“ oder was
00:06:08: auch immer.
00:06:11: „All inclusive“ ist eine andere Metapher
00:06:14: fürs Leben.
00:06:19: [B] Ja, vielleicht ist mir das Beispiel
00:06:20: gekommen, weil man oft halt im
00:06:22: Schulkontext dann hört: „Die Schule, jetzt
00:06:25: beginnt der Ernst des Lebens.“ Und
00:06:29: wenn das dann geglaubt wird – und es ist
00:06:31: ja dann oft auch so, weil Kinder ja
00:06:33: auch nicht immer das hinterfragen, was
00:06:35: Erwachsene oder was Eltern sagen –, dann
00:06:37: scheint es so, als wäre die Schule wirklich
00:06:40: der Ernst des Lebens und jetzt wird,
00:06:42: also geht's dann so weiter und ich
00:06:45: glaube schon, dass da dann so auch diese
00:06:48: ursprüngliche noch größere Lebensfreude
00:06:51: und Neugierde das nicht unbedingt
00:06:53: hilfreich ist, wenn man durch diesen
00:06:55: viel durch diese Metapher dann erlebt.
00:06:59: [D] Ja. Und was heißt „Ernst“ in dem
00:07:04: Fall? Du hast einen
00:07:08: Spielraum, der dir vorgegeben wird, und
00:07:10: der kann sehr eng sein und das ist nicht
00:07:13: unbedingt das, was du dir aussuchen
00:07:14: Würdest. Wie z.B.: Du musst jetzt diese
00:07:17: Aufgabe lösen.
00:07:20: Wir machen jetzt Mathe, und wenn dir nach
00:07:23: Tanzen ist, dann hast du leider Pech
00:07:25: gehabt.
00:07:27: Und dann lernen wir: Ja, das ist das ist
00:07:30: jetzt kein Spaß,
00:07:32: sondern jetzt wird Mathe gemacht.
00:07:37: Der Ernst des Lebens.
00:07:42: [B] Aber ähnlich ist es ja auch jetzt im
00:07:44: erwachsenen Leben, wenn ich z.B.
00:07:46: bemerke, ich muss jetzt das und das und
00:07:47: das und das machen, dann kann es
00:07:50: sein, dass sie das nicht so schön
00:07:52: anfühlt, wenn dieses Muss daherkommt,
00:07:54: wenn ich jetzt was abarbeiten muss.
00:07:56: Gleichzeitig – natürlich, ein paar Dinge
00:07:58: sollte man machen, aufs Klo gehen oder
00:08:00: auch vielleicht dafür zu sorgen, dass
00:08:02: genug Essen zu Hause ist. Aber das ist
00:08:05: für mich als erwachsenen Menschen auch
00:08:08: direkt erlebbar dieser Unterschied von
00:08:10: wenn ich was muss und es abarbeiten muss
00:08:12: und mir gesagt werde, was ich tun muss
00:08:14: und wann ich tun muss, dass das
00:08:16: einengend und nicht so schön ist. Und
00:08:19: gleichzeitig wie schön es ist, wenn jetzt
00:08:20: auch für anderer Mensch oder ich mir
00:08:22: selber diesen diese offen diese
00:08:24: Freiheit lass von was ist jetzt, was
00:08:27: braucht's jetzt oder was fühlt sich jetzt
00:08:29: stimmig an? Und gleichzeitig ist es dann
00:08:32: auch so, wenn ich mich jetzt mit
00:08:33: Terminen vollklopfe und vollstopfe,
00:08:36: und das über längeren Zeitraum und wenig
00:08:39: achtgebe auf mich,
00:08:42: auf den Organismus, was er jetzt
00:08:44: gerade braucht, dass das dann ja
00:08:47: auch sehr schnell kippen kann, und dass
00:08:49: dann auch wieder die Gedanken lauter
00:08:50: werden, die jetzt nicht unbedingt
00:08:51: hilfreich sind, dass es auch so ein
00:08:53: Zusammenspiel ist, wo dann das eine ins
00:08:56: andere reingreift.
00:08:59: [D] Ja, wenn der Organismus gestresst ist,
00:09:02: dann wird das Denken meistens ziemlich
00:09:04: aktiv, und nicht unbedingt
00:09:08: immer wirklich bezogen auf das
00:09:11: körperliche Empfinden, sondern die
00:09:13: Interpretation, die Übersetzung von
00:09:17: „was nervt gerade“ oder „was stresst
00:09:19: gerade“. Es können andere Leute sein, das
00:09:22: kann alles mögliche sein. Statt:
00:09:27: „Ich denke gerade ein bisschen viel in
00:09:28: Muss.“
00:09:30: Wenn wir uns aber diese Muss anschauen,
00:09:32: wie z.B. „Ich muss aufs Klo“: Ja, es
00:09:37: ist nicht wirklich ein Muss, sondern wir
00:09:41: kennen wahrscheinlich noch von früher
00:09:44: die Konsequenzen, was passiert, wenn wir
00:09:46: nicht aufs Klo gehen, und das wollen wir nicht.
00:09:48: Oder wenn das
00:09:51: Wochenende kommt und wir gehen nicht
00:09:53: einkaufen, dass wir hinterher das
00:09:55: bereuen werden: Oder wenn wir nicht in
00:09:59: die Arbeit gehen,
00:10:01: dass das heißen könnte, ja, jetzt
00:10:03: verliere ich die Arbeit und dann kann
00:10:05: ich mir die Wohnung nicht mehr leisten
00:10:07: oder solche Sachen. Und dann ist es
00:10:09: eine freie Entscheidung
00:10:11: für meine Wohnung, für meinen vollen
00:10:15: Kühlschrank oder für meine saubere Hose.
00:10:22: Es ist nicht wirklich ein Muss, sondern
00:10:24: es ist eine Entscheidung-
00:10:26: Und ich tue das dann mir zuliebe oder
00:10:29: jemand anders zuliebe. Ich muss
00:10:34: jetzt zum Bahnhof, um meine Freunde
00:10:36: abzuholen oder so.
00:10:38: Ja, es ist nicht wirklich ein Muss, aber
00:10:41: es hat halt Konsequenz, wenn ich das …
00:10:44: [B] Ja,
00:10:49: Das ist ein perfektes Beispiel, welche
00:10:51: Sichtweise,
00:10:53: durch welchen Filter man das anschauen
00:10:55: kann, durch diesen Muss-Filter oder durch
00:10:56: den Filter, der dann sich gleich viel
00:10:59: liebevoller und schöner zeigt und auch
00:11:00: dann irgendwie einfach Sinn macht.
00:11:04: [D] Ja, „Muss“ ist in gewisser Weise oft: ich tue
00:11:07: es halt für die Zukunft.
00:11:10: [B] Mhm. Und das engt sehr ein. Wie gesagt,
00:11:12: ich kenn es von mir sehr gut, wenn ich
00:11:14: so: „Ich muss jetzt das und das noch
00:11:15: arbeiten, weil damit ich dann …“ hin und
00:11:17: Her, dann ist die Wahrscheinlichkeit
00:11:20: recht hoch, dass sie mich nicht hinsetze
00:11:22: und das mache, aber wenn es dann einen
00:11:24: anderen Zugang hat oder wenn
00:11:27: es anders gesehen werden kann und kein
00:11:29: Muss ist, sondern so:
00:11:31: Ich entwickle da auch was weiter, ich
00:11:32: mache das ja, damit es dann noch besser
00:11:35: wird für mich und für alle Mitarbeitenden
00:11:37: z.B. – dann kriegt es eine ganze andere
00:11:40: Energie.
00:11:41: [D] Ja, in diesem super einfachen
00:11:43: Einkaufsbeispiel: Ja, du machst es
00:11:45: für den Zukunfts-Bernd, der sonst vor
00:11:48: seinem leeren Kühlschrank steht. Du tust
00:11:52: es dem zuliebe, damit der was zu essen
00:11:54: hat am Sonntag.
00:11:57: [B] Mhm.
00:11:58: [D] Du machst dir die Arbeit, damit die
00:12:00: Arbeit leichter wird anschließend.
00:12:02: [B] Mhm.
00:12:03: [D] Holst die Freundin ab, damit die es
00:12:06: schön hat.
00:12:07: [B] Und auch wieder schön zu sehen, es braucht
00:12:09: das Denken und die Intelligenz oder eine
00:12:11: Intelligenz, damit es überhaupt gesehen
00:12:13: werden kann und dann entschieden werden
00:12:15: kann. Das Können, dass der Mensch ja,
00:12:17: ein gesunder Mensch, der das kann.
00:12:21: [D] Mhm.
00:12:22: Genau. Und das ist die Intelligenz, die
00:12:24: darauf achtet: Wie ist es, dieselbe
00:12:27: Situation so zu beschreiben oder so zu
00:12:30: Beschreiben? Also: „Ich mache das mir
00:12:34: zuliebe oder meiner Freundin zuliebe
00:12:36: oder meinem Team zuliebe“ –
00:12:39: oder: „Ich muss.“
00:12:42: Wie sich das anders anfühlt!
00:12:46: und beides sind nur Beschreibungen. Also
00:12:48: nicht die eine ist richtig, die andere
00:12:50: ist falsch, sondern die fühlen sich halt
00:12:52: einfach unterschiedlich an, haben
00:12:54: unterschiedliche
00:12:55: Erlebensweisen.
00:12:58: [B] Was auch wieder spannend ist, finde ich,
00:13:00: wenn man jetzt wie das Beispiel Einkauf
00:13:01: hernimmt und
00:13:04: ein Freund – nicht ich – versumpert dann am
00:13:07: Telefon auf der Couch und dann um 8 Uhr
00:13:10: sind alle Geschäfte zu und dann steht
00:13:11: man vor dem leeren Kühlschrank, dann könnte der
00:13:13: Gedanke kommen: „Ja, was bin ich für ein
00:13:17: Punkt Punkt Punkt“, dass
00:13:19: man doch selber dann eigentlich oder die
00:13:21: Gedanken noch da drauf hauen
00:13:23: irgendwie.
00:13:25: [D] Ja, und das hast du ja
00:13:27: wahrscheinlich auch mal – das hat dein
00:13:29: Freund ja wahrscheinlich auch mal
00:13:30: getestet,
00:13:36: wie das dann ist mit dieser
00:13:37: Beschreibung „was bin ich für ein …“
00:13:40: was auch immer.
00:13:43: [B] Ja, aber ich meine, es ist so wichtig,
00:13:44: dass man da diesen Schritt da raus
00:13:46: macht, dass man das wirklich nicht
00:13:49: sagt, „ich bin meine Gedanken, also ich
00:13:52: bin ausschließlich, was meine Gedanken
00:13:53: sagen“, sondern „da ist der Gedanke“. Da ist
00:13:55: das schon wieder ein riesen
00:13:56: Unterschied.
00:13:57: [D] Ja. Ja. Und das ist eine sehr praktische
00:14:02: und sehr wesentliche Erfahrung.
00:14:05: Das Denken ist in gewisser Weise
00:14:08: mindestens so ein Selbstläufer wie
00:14:11: Atmung. Atmung ist ein gutes Beispiel,
00:14:13: weil: Wir können auf unseren Atem
00:14:16: achten und wir haben auch einen Einfluss
00:14:19: auf den Atem. Wir können für einen Moment
00:14:20: die Luft anhalten oder wir können tiefer
00:14:23: atmen.
00:14:25: Ja, wir haben einen gewissen Einfluss,
00:14:27: aber das braucht's nicht, weil: Es läuft
00:14:29: auch ohne uns. Und so ist das Denken
00:14:32: auch, das nicht auf eine Einladung
00:14:34: wartet. „Sollen wir mal was denken, Boss?
00:14:37: sag Bescheid, wenn …!“
00:14:41: Da gibt's so eine gewisse Autonomie im
00:14:42: Denken.
00:14:44: Und gleichzeitig
00:14:47: ist das Denken ja nicht total
00:14:49: abgekoppelt von uns und vom Erleben oder
00:14:51: so, sondern ist einfach eine Funktion
00:14:53: eben wie Atmen oder Verdauen, eine
00:14:57: Funktion, die ihr Bestes tut und
00:15:02: in dieser Parallelwelt des Denkens
00:15:05: versucht, eine gute Orientierung zu
00:15:07: finden. Aber wie jede andere Fähigkeit
00:15:12: ist Denken auch was wir erstens gelernt
00:15:14: haben, und zweitens, was wir noch nicht zu
00:15:17: Ende gelernt haben.
00:15:19: Also z.B.:
00:15:22: Das Denken kann verstehen, dass es
00:15:23: keinen besonders guten Sinn für Timing
00:15:25: hat,
00:15:28: also dass es sehr schnell asynchron
00:15:31: wird, weil es in seiner Natur liegt, über
00:15:34: was nachzudenken, was gerade nicht ist.
00:15:38: Und das ist manchmal sinnvoll, z.B.:
00:15:41: Wann kommt die Freundin an, wann macht
00:15:43: der Supermarkt zu? Beides ist gerade
00:15:46: nicht jetzt. Und wenn die Antwort ist:
00:15:48: „Nicht jetzt, also brauchst du nicht
00:15:50: drüber nachdenken“, dann könnte es sein,
00:15:52: dass Sonntag ein Hungertag wird und die
00:15:55: Freundin sauer wird.
00:15:57: Dass das Denken in die Zukunft gehen
00:15:59: kann oder in die Vergangenheit gehen
00:16:02: kann, ist halt einfach sein Wesen.
00:16:04: Deswegen hat es einfach kein –
00:16:07: sehr wenig Gefühl für das einfach
00:16:10: Da-Sein in diesem Moment, weil: Was gibt's
00:16:11: hier zu denken?
00:16:16: Das Denken ist nicht nur so der
00:16:18: Selbstläufer, der so vor sich hin, das
00:16:20: ist nicht nur ein blinder Mechanismus.
00:16:23: Im Denken ist auch eine Intelligenz,
00:16:26: die
00:16:28: verstehen kann, was die Funktion vom
00:16:30: Denken ist und wann es Denken braucht,
00:16:33: wann Denken sinnvoll ist und wann nicht.
00:16:35: Das ist was, was im Denken ankommen
00:16:36: kann.
00:16:38: Wir könnten das als – um mal so ein altes
00:16:40: Wort zu benutzen –, wir könnten das
00:16:43: Demut nennen, was das Denken lernt,
00:16:46: dass es erkennt, was sein Platz ist und
00:16:47: dass es nicht der Boss ist,
00:16:52: sondern dass es oft nützlich ist und oft
00:16:55: auch nicht.
00:16:58: Und es kann sehr zufrieden sein in
00:17:01: dieser
00:17:03: Rolle und es kann sein z.B.,
00:17:07: das Gedanken losgehen zu einem
00:17:09: bestimmten Thema:
00:17:12: „Wie wird das werden, wenn …“ oder sonstige
00:17:15: Sachen, und dass gleichzeitig die
00:17:18: Gefühlsreaktion zeigt: Ja, okay, das ist
00:17:20: jetzt kein guter Zeitpunkt.
00:17:22: Ich
00:17:24: bin gerade in einer anderen Situation.
00:17:26: Und dass das Denken sagt: „Ah ja, alles
00:17:28: klar, Entschuldigung, bis später.“
00:17:31: Das Denken ist auch lernfähig, und es
00:17:34: lehrt durch diese Erfahrungen,
00:17:36: dass es
00:17:38: manchmal einfach nicht den Boss spielen
00:17:40: muss,
00:17:42: nicht bestimmen muss.
00:17:45: Dieses Vertrauen kann im Denken ankommen
00:17:47: und das ist nicht ein für allemal, aber
00:17:50: das
00:17:52: Vertrauen wächst halt aus den
00:17:55: Erfahrungen,
00:17:57: wie wenig
00:17:59: Rolle das Denken in all unseren
00:18:01: Glücksmomenten gespielt hat,
00:18:05: in diesen Momenten von: Alles passt.
00:18:10: Dieser Moment ist einfach ein Wunder.
00:18:13: Das ist einfach ein zauberhafter,
00:18:16: wundervoller Moment,
00:18:19: dass das
00:18:21: in dem Moment keinen Abgleich gibt mit:
00:18:24: „Ja, das ist jetzt eine 9,5 von 10“ oder
00:18:27: so, sondern das ist einfach
00:18:31: keine Bewertung, keinen Vergleich
00:18:35: braucht in dem Moment, sondern einfach
00:18:37: ein Berührtsein.
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