Richtungssinn: Was ist dein Lebensweg?

Shownotes

Ist unser Lebensweg vorgezeichnet – oder entsteht er beim Gehen? Und können wir überhaupt von unserem Weg abkommen?

In diesem Gespräch erkunden wir verschiedene Möglichkeiten, die Metapher des Lebenswegs zu verstehen. Dabei ist der Richtungssinn wesentlich zur Orientierung: Wohin zieht es mein Herz? Was liebe ich? Hier zeigt sich der Lebensweg als die Richtung, in die sich unser Potenzial entfaltet.

Wo es noch keinen Weg gibt, beginnt Neuland: Wir können Wege nicht nur finden und ihnen folgen, sondern auch neue Wege erschaffen.

Themen dieser Folge: Lebensweg als Metapher, Richtungssinn und Orientierung, Ziele und Potenzialentfaltung, der Weg entsteht beim Gehen, dem Herzen folgen, Entwicklung und Spielraum, Kreativität und Neuland.

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00:00:00: [B] Lieber Dittmar, oft hört man so Sätze wie, seinen Weg gehen, auf seinem Weg bleiben.

00:00:06: Und die Frage, die ich mitgebracht habe, ist, kann man nicht auf seinem Weg sein?

00:00:12: [D] Ja, diese Metapher von auf seinem Weg sein, auch da ist es ja mal wieder so, wer benutzt

00:00:21: die und was meint er damit? Also Weg könnte sein, zum Beispiel, was viele Leute darunter verstehen,

00:00:28: ist so eine Art vorgezeichneter Weg. Also ein Weg, der schon besteht und

00:00:33: man läuft den jetzt halt ab. Das wäre die Frage, ist der Lebensweg, von dem wir jetzt ja sprechen,

00:00:40: ist der so, dass es den schon gibt? Also ist das so ähnlich wie Zugfahren?

00:00:47: Man steigt in einen Zug ein und der bringt einen dann auf Schienen ans Ziel. Und so

00:00:54: könnte man den Lebensweg auch sehen, der ist schon da, vorgezeichnet, und man geht ihn.

00:01:00: Und eine andere Art von Weg könnte sein: Wenn wir uns umdrehen und zurückschauen,

00:01:07: dann sehen wir den Lebensweg. Aber mit jedem Schritt könnte der seine Richtung ändern.

00:01:15: Es gibt so einen Spruch: Der Weg entsteht beim Gehen. Und das wäre eben die Frage,

00:01:21: was ist da gemeint mit „auf seinem Weg sein“? Also wenn wir sagen, der Weg entsteht beim Gehen und

00:01:29: ist nicht vorherbestimmt – natürlich können wir den Weg dann auch nicht verlassen. Ja,

00:01:35: weil der führt dann einfach halt von unserer Zeugung oder von unserer Geburt bis zum Tod. Ja,

00:01:45: und das ist dann der Lebensweg. Und im Nachhinein sind wir den halt gegangen, egal wie lang der war.

00:01:51: Und das andere wäre so dieses Rotkäppchen-Prinzip, dass wir von dem vorgegebenen Weg abweichen.

00:02:00: [B] Also mir fallen da zwei Sachen jetzt ein zu der Fragestellung und zu dem Thema.

00:02:08: Die eine ist so meine persönliche Sicht, wie ich das jetzt für mich so beschreiben würde oder auch

00:02:14: für unser Gespräch jetzt. Und zwar, dass man ja, wenn man am Leben ist, irgendwie das auch

00:02:20: als Weg beschreiben könnte und dann ja immer auf seinem Weg ist, weil man ja am Leben ist.

00:02:24: Und weil das einfach das Leben ist. Und die andere Seite ist die:

00:02:30: Ich war ja auch Kinderfußballtrainer vor 10, 15 Jahren und eine Mutter von einem Kind damals,

00:02:37: das ich trainiert habe, das bei mir in der Gruppe war, hat irgendwie vor ein paar Jahren, vor zwei

00:02:42: Jahren, hat sie mitbekommen, dass ich da jetzt Kindercamps mache. Und sie hat dann geschrieben:

00:02:47: „Du warst immer schon auf deinem Weg, und jetzt scheinst du angekommen zu sein.“ Und

00:02:52: das war ganz lustig, weil irgendwie natürlich, wenn man jetzt dieses Leben als Weg beschreibt,

00:02:58: dann kann man alle Dinge, die man irgendwie dann so erlebt, auch irgendwie als Ziel

00:03:05: beschreiben. Schulabschluss, vielleicht Studium oder wie bei mir jetzt irgendwie

00:03:11: auch so beruflich etwas anderes zu machen. Und gleichzeitig ist nichts von dem auch wieder Ziel,

00:03:17: wenn man es nicht so beschreiben muss, weil es irgendwie ein Teil vom Weg ist.

00:03:23: [D] Ja, das ist, was wir „Meilensteine“ nennen

00:03:26: könnten. Solche Sachen wie Schulabschluss und vielleicht ist Camps for Champs auch

00:03:33: so eine Art Meilenstein. Also es ist die Frage, ob du das Gefühl hast, ja,

00:03:37: da bist du angekommen oder das entwickelt sich weiter, da entsteht was Neues draus.

00:03:44: [B] Es ist vielmehr das Zweitere. Es ist vielmehr das so, dass es irgendwie einfach so passiert ist,

00:03:49: weil es da einen Zug hingegeben hat, zu dem, dass ich das gerne mache. Und dann

00:03:52: hat es das irgendwie so entwickelt. Wer weiß, wie lange das sich noch weiterentwickelt und wer weiß,

00:03:56: da spielen ja viele Dinge mit, dass man das auch weiter machen kann und so.

00:04:00: Aber ich finde diesen Satz, den man wirklich öfters hört, so ja, irgendwie:

00:04:04: „Jetzt find zuerst mal deinen Weg.“ – das wird irgendwie so ein bisschen hochstilisiert auch.

00:04:08: Und dann gleichzeitig schwingt auch immer, glaube ich, mit dieses Bild von: Es muss ein

00:04:13: Ziel geben. Aber ich zum Beispiel habe jetzt nicht gemerkt, dass ich jetzt mit dem Projekt

00:04:18: oder dem Verein, den ich gegründet habe, Champs, oder auch den Sommercamps, Camps for Champs,

00:04:23: dass das irgendwie jetzt so ein Ziel ist. Und das ist vorbei. Es ist eher so einfach, was in meinem

00:04:28: Leben passiert und was irgendwie, was voll cool ist, was ich voll genieße. Aber dass es ist nicht

00:04:32: so der Endpunkt ist. Und vor allem auch nicht so dieses: „Es ist jetzt immer gleich“, vor allem,

00:04:38: weil ich, ich, mich törnt die Entwicklung an. Mich törnt das an, dass man auch was weiterentwickelt,

00:04:43: dass man Lehren daraus zieht, dass man Updates macht. Und das, das finde ich lässig. Und

00:04:48: deswegen ist irgendwie diese, diese Metapher mit „auf seinem Weg sein“ für mich irgendwie

00:04:52: so ein bisschen irreführend oder kann ein bisschen einschränkend verstanden werden. Weil:

00:04:58: Für mich ist alles irgendwie Teil vom Weg und es gibt jetzt nicht wirklich so ein Ziel.

00:05:02: [D] Ja. Wie gesagt: Je nachdem, wer solche Metaphern verwendet, bist du am Ziel, und

00:05:12: da würde es dann um Errungenschaften gehen, ja, um, was weiß ich: „So, jetzt bin ich Präsident.“

00:05:20: Wovon du gesprochen hast, ist, dass du da einen Zug gefühlt hast,

00:05:24: ja? Und das könnte sein, ein anderes Verständnis von „Weg“ ist: Wo zieht es mich denn hin? Wo

00:05:33: zieht es mein Herz hin, sozusagen, was ist die Richtung, in die ich mich bewegen will?

00:05:38: Und das könnte sein zum Beispiel: Richtung Zusammenspiel, Zusammenwirken

00:05:44: mit anderen Menschen, Richtung das Potenzial von Menschen fördern,

00:05:49: in dem Fall von Kindern und von Jugendlichen. Und das könnte sein, wenn wir auf unserem Weg

00:05:56: sind, das heißt, wir entfalten unser Potenzial. Und unser Potenzial – meiner Ansicht nach hat es

00:06:03: damit zu tun, wo es uns hinzieht. Also ich glaube zum Beispiel,

00:06:10: dass es, um jetzt mal so ein allgemeines Beispiel zu bringen, dass Mozarts Potenzial in Musik lag,

00:06:14: Musik erschaffen, komponieren, spielen, ja? Und dass es nicht war irgendwie: “Ja, mit irgendwas

00:06:20: muss man ja sein Geld verdienen, ich wäre aber viel lieber Maler oder Bäcker“, sondern dass es

00:06:27: wirklich war, wo es ihn hingezogen hat. Und dann war da eine Umgebung, die das sehr gefördert hat.

00:06:38: Das wäre also die Art, die Metapher „Weg“ zu verstehen, wo es darum geht:

00:06:44: Ich lebe mein Potenzial, so wie eine Eichel ihr Potenzial lebt, indem sie zu einem Baum wird.

00:06:56: Und das ist insofern vorgegeben, dass daraus keine Buche wird, aber, nicht vorgegeben,

00:07:04: wie diese Eiche wächst, wie die sich entwickelt. In diesem, in diesem Beispiel ist unser Weg, ja,

00:07:11: Mensch sein, auf eine sehr spezielle Art. Und das ist eine philosophische Frage: Ist das uns schon

00:07:20: vorgegeben, ja, also ist das vorherbestimmt? Das ist, was andere Leute unter ihrem Weg verstehen

00:07:27: Die andere Beschreibung davon ist, wo zieht es mich denn hin? Was ist so meine tiefe Sehnsucht,

00:07:33: um es mal so zu sagen. Und da glaube ich zum Beispiel bei dir: Angenommen,

00:07:40: du wärst Bänker und wirst total reich damit, ja, dass es trotzdem für dich keine Erfüllung wäre.

00:07:46: [B] Absolut, ja.

00:07:49: [D] Ja. Und dann könnte man sagen, okay, das ist nicht dein Weg, weil es einfach dein Herz

00:07:58: nicht dahin zieht. Und jemand anders könnte sich voll dafür begeistern und du halt nicht.

00:08:05: [B] Ja. Es ist halt, wie eh manchmal oder öfters in unseren Gesprächen so,

00:08:12: dass es echt so wichtig ist, genau zu schauen, was wir unter diesem Wort und diesen Worten verstehen.

00:08:19: Und ich glaube, das ist generell eine Sache, die ich jetzt auch immer mehr lerne durch die

00:08:23: Gespräche mit dir und generell so, dass es echt einmal wichtig ist zu klären, so reden

00:08:29: wir vom Gleichen, meinen wir das Gleiche damit? Weil sonst ist es ja echt so, dass man öfters,

00:08:35: oder ist die Wahrscheinlichkeit so, dass man einander vorbeiredet, Dinge anders versteht.

00:08:40: Deswegen dieses mal wirklich so: Was meinst du eigentlich damit oder was bedeutet das?

00:08:44: [D] Ja. Und das ist ganz interessant zu sehen, wie selten diese Frage eigentlich

00:08:50: kommt. Und vor allem, wenn man irgendwie Social Media oder sowas schaut, ja, wie

00:08:55: selten man irgendwie so einen Kommentar findet: „Ich habe das nicht ganz verstanden, was meinst

00:09:00: du denn eigentlich?“ Sondern die Kommentare sind einfach „genau meine Meinung!“ oder „Bullshit!“

00:09:05: [B]: Entweder-oder, was wir auch schon öfters besprochen haben.

00:09:09: [D] Ja, ja genau. Und das Interessante bei Metaphern ist, dass es keine

00:09:15: feste Definition gibt, was ist „der Weg“? Ja, das ist ja das Interessante bei Metaphern,

00:09:22: dass die damit zu tun haben: Wie möchte ich mit dieser Metapher spielen? Welche

00:09:28: Bedeutung möchte ich der geben? Mit welchem Sinn erfülle ich diese Metapher? Und das ist

00:09:36: nicht definierbar in dem Sinne von: „Nein, du hast diese Metapher jetzt falsch benutzt.“

00:09:45: Diese Metapher „Weg“ kann sein: Du hast den Weg verlassen, das ist schlecht, weil einfach,

00:09:56: siehe Rotkäppchen: das nimmt ein böses Ende – wobei es ja da auch

00:09:59: wieder ein gutes Ende nimmt. Bleib auf dem Weg! Und wir könnten aber auch sagen: Evolution ist,

00:10:09: den Weg zu verlassen. Ja, also Evolution heißt, wir machen was anderes als unsere Vorfahren,

00:10:17: als unsere Eltern. Und wann immer wir Neuland entdecken, sind wir einen neuen Weg gegangen.

00:10:27: Unsere Vorfahren waren Experten darin. Warum gibt es überall auf der Welt Menschen? Weil die

00:10:35: irgendwann losgegangen sind und neue Wege gegangen sind. Die sind wo gegangen, wo es keinen Weg gab.

00:10:42: Also das wäre ein Beispiel für: Ja, der Weg entsteht beim Gehen. Und was dafür hilfreich ist,

00:10:48: ist ein Richtungssinn. Wo möchte ich denn hin? In welche Richtung zieht es mich denn?

00:10:55: Und wenn wir dann in Neuland kommen, natürlich sind wir dann immer wieder in der Situation:

00:11:00: Ja, wo geht es denn jetzt weiter? Oh, hier ist ein echt breiter Fluss. Wie kommen wir jetzt da rüber?

00:11:09: Hier sind Berge. Wie geht es denn jetzt weiter? Und dann einen Weg zu finden oder einen Weg zu

00:11:19: erschaffen, das ist was anderes als einem Weg zu folgen. Und das heißt, wann immer wir was Neues

00:11:33: erschaffen, egal, ob Kunstwerk oder Camps for Champs. Wann immer wir kreativ sind …

00:11:43: [B] Ein Buch. Ein Buch.

00:11:44: [D] Oder ein Buch. Wann immer wir kreativ sind,

00:11:50: sind wir in Neuland unterwegs, wo es noch keinen Weg gab.

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