Wie siehst du ohne Geschichte?
Shownotes
Viele Begegnungen werden von Erinnerungen, Erwartungen und früheren Erfahrungen geprägt. Das kann Verständnis schaffen – aber auch den Blick auf etwas Neues verstellen, was sich im Kontakt gerade zeigt.
In diesem Gespräch geht es darum, zwischen gemeinsamen Geschichten und dem unmittelbaren Jetzt-Erleben zu unterscheiden. Am Beispiel der Vergebung wird deutlich, wie Erinnerungen ihren Wert behalten können, ohne die Gegenwart zu bestimmen.
Themen dieser Folge: gemeinsame Geschichte und Verständnis, Vergebung, Erinnerung als Orientierung, direktes Erleben, Denken und Aufmerksamkeit, Mit frischem Blick wahrnehmen.
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00:00:00: [B]: Lieber Dittmar, kann ich jemanden wirklich sehen, ohne meine Geschichte über ihn?
00:00:07: [D]: Meinst du, wenn du keine Geschichte hast, dann siehst du ihn oder dann siehst du ihn nicht?
00:00:14: [B]: Ich meine, ob ich jemanden wirklich sehen kann, wer er ist oder wer sie ist,
00:00:22: ohne meine Geschichte über ihn. Beispielsweise meine Mutter und ich
00:00:26: haben eine Beziehung zueinander und ich habe jetzt die Geschichte von ihr in mir oder in meinem Kopf,
00:00:31: in meinen Gedanken, dass sie meine Mutter ist und dass sie in der Situation so und so war
00:00:36: und dass sie vielleicht, wenn wir jetzt verallgemeinern wollen würden – was das
00:00:39: Denken ja auch gerne macht –, dass sie in gewissen Situationen immer
00:00:42: so reagiert oder sie würde dann das und das antworten auf meine Aussage.
00:00:47: Was würde passieren, wenn diese Geschichte wegfällt?
00:00:50: Wenn wir jemanden wirklich treffen oder ist es möglich, jemanden zu treffen,
00:00:54: jemanden wirklich zu sehen, ohne die Geschichte über ihn oder über sie?
00:01:00: [D]: Weißt du, dadurch, dass wir eine Beschreibung von einem Menschen haben,
00:01:05: dass wir zum Beispiel wissen, was seine Vorgeschichte ist, was der so alles erlebt hat,
00:01:11: was wir mit dem Menschen erlebt haben und so weiter, haben wir eine Art Verständnis.
00:01:17: Einen Menschen, mit dem wir schon zu tun hatten oder dessen Hintergrund wir wissen,
00:01:22: verstehen wir vielleicht besser als jemanden, den wir gerade in
00:01:27: diesem Moment kennenlernen und von dem wir gar nichts wissen.
00:01:32: Andererseits: Wenn wir von jemandem gar nichts wissen und keine Geschichten
00:01:36: haben und kein „Ich weiß, wieso …“, dann haben wir eine größere Chance,
00:01:43: größere Wahrscheinlichkeit, diesen Menschen wirklich so wahrzunehmen,
00:01:47: wie er jetzt gerade ist, statt gefiltert durch das, was wir eh schon alles wissen.
00:01:53: Also Vorgeschichte zu wissen hilft, Verständnis zu haben.
00:01:59: Und der Nachteil ist, dass wir riskieren, ihn nicht wirklich so zu sehen,
00:02:03: wie er jetzt ist, mit frischen Augen. So wie das ja für uns selbst auch ist: Wir
00:02:08: können uns erzählen, wer wir so sind und was alles unsere Erfahrungen sind und was wir alles wissen.
00:02:20: Und es ist was anderes, einfach diesen Moment frisch zu erleben, ohne Geschichten,
00:02:26: ohne diesen in gewisser Weise ja auch Ballast von all dem,
00:02:30: was wir so an Erfahrungen mit uns mitschleppen. Und andererseits ist es so: All diese Geschichten,
00:02:39: die wir erlebt haben, all unsere Erfahrungen, wir wollen ja auch nicht auf die verzichten.
00:02:46: Also wünschst du dir Amnesie? Wahrscheinlich nicht.
00:02:49: Einfach so: „Mein Gedächtnis ist gelöscht. Super,
00:02:52: jetzt fange ich neu an!“ Das wäre unglaublich mühsam.
00:02:57: Unsere Erfahrungen sind … Es ist schön, dass wir die gemacht haben.
00:03:00: Es ist schön, dass wir uns erinnern an unsere Kindheit. Und es ist schön,
00:03:04: dass wir uns erinnern an unsere Bekannten und Freunde und Familie.
00:03:10: Schwierig ist es nur, wenn das vorbestimmt, wie wir diesen Moment erleben.
00:03:19: Aber dass, wenn wir zum Beispiel sagen: „Weißt du noch, damals im Sommercamp?“ oder so – es ist
00:03:25: einfach schön, dass wir uns daran erinnern können. Gemeinsame Geschichte. Aber nicht mehr als das.
00:03:35: Wir sind nicht mehr die, die wir in dem Sommercamp gewesen sind zum Beispiel.
00:03:41: [B]: Was mir auffällt, ist manchmal, wenn ich so zurückdenke:
00:03:46: Angenommen, es ist etwas passiert mit jemandem,
00:03:49: was jetzt nicht so super war oder man hat sich vielleicht auch nicht immer richtig verhalten,
00:03:54: dass dann, sagen wir mal, wenn man sich dann Wochen später oder Monate später oder Tage
00:03:58: später wieder über den Weg läuft, dass man dann schon von der Weite sozusagen erkennen kann,
00:04:02: wie die Augen vielleicht rollen oder man aus dem Weg geht und so weiter.
00:04:06: Dass das aber auch sehr schade ist, weil man ja dann dem Menschen oder der Situation auch die
00:04:12: Chance nimmt, die Möglichkeit wegnimmt, dass es auch anders wieder sein kann.
00:04:17: [D]: Eine Sache, von der viele Menschen sprechen, ist Vergebung.
00:04:23: Und Vergebung würde nicht heißen: Ich habe vergessen, was passiert ist, sondern: Es belastet
00:04:30: mich nicht mehr und es belastet unsere Beziehung nicht mehr. Also Vergebung wäre ein anderes Wort
00:04:37: für „ich sehe dich trotzdem mit frischen Augen.“ Das ist das Gegenteil von „nachtragend“. Wir
00:04:47: tragen nicht mehr das rum, was irgendwann mal passiert ist und halten es dem anderen
00:04:52: permanent vor, ob wir es aussprechen oder nicht. Aber wir sehen ihn durch diese Erinnerung,
00:05:00: durch diesen Vorwurf von damals – das wäre das Gegenteil von Vergebung.
00:05:07: Und so könnte es sein, wenn derjenige oder diejenige uns darauf ansprechen würde:
00:05:11: „Weißt du noch, damals?“ – natürlich können wir uns erinnern, aber es spielt
00:05:16: für die Gegenwart keine emotionale Rolle. Es ist kein Filter. Nur eine Erinnerung.
00:05:23: [B]: Und spannend ist ja, dass es an meinem Filter oder dem Filter liegt, den ich sozusagen habe,
00:05:28: wie ich mit der Situation umgehe, dass es nicht mit anderen Personen irgendwas zu tun hat.
00:05:32: Das finde ich so spannend, dass es rein ist, durch welchen Filter ich das sehen kann und erlebe.
00:05:36: Weil wenn ich zum Beispiel klar bin und ich bin klar, dann gehe ich anders mit den Situationen um
00:05:44: oder würde auch anders mit Menschen umgehen, vielleicht wo sowas dann aufkommen könnte.
00:05:49: Aber wenn dieser Filter nicht gesehen wird oder wenn durch diesen Filter geschaut wird, dann ist
00:05:53: es manchmal vielleicht nicht so liebevoll, wie es sein könnte, wenn ich diesen Filter,
00:05:57: diese Brille, wie auch immer, wir es beschreiben, ablege oder den weglegen kann.
00:06:01: [D]: Ja, und andersrum beschrieben könnte es aber auch sein, dass jemand gerade einen
00:06:12: ganz schlechten Tag hat oder in einer super schwierigen Stimmung gerade ist.
00:06:19: Aber weil wir gemeinsame Geschichte haben, wissen wir, dass sie auch anders sein kann.
00:06:25: Und das heißt: Es kann sein einfach, dass wir das dann eher als eine Ausnahme bewerten und dass wir
00:06:33: größeres Vertrauen zu diesen Menschen haben oder dass die einen größeren Vorschuss bei uns haben,
00:06:39: um es mal so finanziell auszudrücken. Also Geschichte ist nicht immer Vorwürfe;
00:06:48: Dankbarkeit ist auch Geschichte. „Ich weiß, was sie für mich getan hat,
00:06:54: deswegen kein Problem, dass sie heute einfach mal wirklich schlechte Laune hat.“
00:06:59: [B]: Auch da ist wieder so, das Bild, das bei mir aufpoppt ist, ist wirklich rauszoomen und
00:07:06: das Große sehen und das Ganze sehen und nicht ausschneiden und ausgeschnitten erleben.
00:07:13: [D]: Ja. In unseren Gesprächen geht es wirklich oft darum, von einem Entweder-oder – sehe ich
00:07:20: die Leute ohne Geschichte oder sehe ich sie mit Geschichte – dahin zu kommen:
00:07:25: Ja, beides. Und ich kann es unterscheiden. Ich kann unterscheiden. Ob ich eine Geschichte
00:07:35: abrufe zu jemandem, kann ich davon unterscheiden: Wie ist mein Live-Erleben von diesem Moment,
00:07:42: von diesem Menschen? Wie ist unser Kontakt in diesem Moment?
00:07:49: Und eventuell eben auch: Wie ändert sich der Kontakt, wenn ich Erinnerungen dazu abspiele?
00:08:00: Aber Erinnerungen zu haben,
00:08:01: ist was super Wertvolles – wenn ich sie nicht mit der Gegenwart verwechsle.
00:08:07: [B]: Und super hilfreich, ja, und super wertvoll, ja.
00:08:12: [D]: Super wertvoll!
00:08:12: [B]: Ja, absolut. Was wir gerade besprechen, zeigt ja auch, dass das Denken ab und an
00:08:19: auch ein bisschen verwirrt ist, wenn es Dinge vermischt oder halt ausgeschnitten,
00:08:22: ja, erlebt. Aber was passiert dann halt der Unterschied dazu, wenn es halt nicht entweder
00:08:27: oder erlebt, wenn es nicht ausgeschnitten erlebt, sondern wenn es breit und offen und weit erlebt.
00:08:34: [D]: Und für das Denken klingt das nicht so verlockend, weil „Entweder-oder“ eine Art
00:08:41: von Klarheit ist: Entweder du stimmst mir zu oder du bist ein Depp. Ja, so.
00:08:50: Oder: Entweder das Denken ist der Feind oder die Orientierung.
00:08:56: Und so ist es einfach: Ja, Denken ist schon nützlich – manchmal.
00:09:02: Erinnerungen sind sehr, sehr nützlich,
00:09:05: und gegenwärtiges Erleben ist auf eine ganz andere Art super, super, super nützlich.
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