Die Freiheit, offen zu bleiben
Shownotes
Warum fällt es oft leichter, uns zu verschließen, als offen zu bleiben?
Wenn wir kritisiert werden oder uns angegriffen fühlen, entsteht schnell der Reflex, uns zu verteidigen. Doch was fühlt sich dabei eigentlich bedroht an? Und was verändert sich, wenn wir offen bleiben, statt automatisch zu reagieren?
Im Gespräch erkunden wir, wie Kritik, Identifikation und verengte Aufmerksamkeit zusammenhängen – und weshalb Offenheit für das eigene Erleben zu mehr Klarheit und Entscheidungsfreiheit führen kann.
Themen: • Kritik und Verteidigung • Identifikation und Selbstbild • Der innere Anwalt • Tunnelmomente der Aufmerksamkeit • Offenheit für unangenehme Gefühle • Freiheit statt Automatismus
Re-Source – Leben als Spielraum Gespräch 18
Mehr Informationen: https://dittmar-kruse.com/re-source
Transkript anzeigen
00:00:00: [B] Lieber Dittmar, warum fällt es oft leichter, uns zu verschließen, als in
00:00:05: schwierigen Momenten offen und weich zu bleiben? Und was passiert, wenn Zweiteres passiert?
00:00:10: [D] Wenn man offen bleibt, was passiert dann?
00:00:15: [B] Genau.
00:00:15: [D] Verschließen passiert ja, wenn wir den Eindruck haben, dass wir uns wehren müssen.
00:00:23: Und wann müssen wir uns wehren? Wann scheint es so?
00:00:26: Wenn wir was als Angriff interpretieren. Jemand kritisiert uns zum Beispiel.
00:00:31: Wir sind ja selten in der Situation, dass wir uns wirklich körperlich wehren müssen.
00:00:37: Wenn jemand mit einem Messer auf uns zu rennen würde zum Beispiel, das wäre
00:00:40: vielleicht kein guter Zeitpunkt für „offen und einfach erstmal fühlen, wie es so ist“.
00:00:46: Aber in unserem alltäglichen Leben geht es ja um so eine Art psychische
00:00:52: Bedrohung, dass jemand unser Verhalten kritisiert, dass was da angegriffen wird,
00:00:57: eigentlich nur eine Vorstellung von uns ist. Die Vorstellung, wie andere Leute uns sehen
00:01:03: sollten oder wie wir uns sehen möchten, das ist, was da gefährdet erscheint.
00:01:10: Trotzdem kann das so interpretiert werden, als wäre das ein wirklicher Angriff, statt:
00:01:16: Jemand sieht etwas anders als wir. Und wenn das so interpretiert wird,
00:01:21: dann tut Kritik halt weh. Wenn wir mit was identifiziert sind, mit
00:01:28: einem Verhalten, mit einer Meinung, mit was, was wir erschaffen haben und jemand kritisiert das.
00:01:34: Das weckt den Eindruck, wir müssen uns jetzt wehren und dann scheint in
00:01:39: dem Moment offen zu sein, als würden wir zum falschen Zeitpunkt abrüsten.
00:01:44: Wehrlosigkeit scheint riskant zu sein, wenn wir gerade angegriffen werden.
00:01:49: Deswegen gibt es diesen Reflex, uns zu verteidigen – was unser Gegenüber
00:01:55: meistens als Angriff auffasst und sich dann selber verhärtet oder verengt.
00:02:02: [B] Das heißt, wenn wir es schaffen, nicht auf Angriff zu gehen oder uns zu verschließen in dem
00:02:09: Fall, könnte die Wahrscheinlichkeit auch höher sein, dass unser Gegenüber das auch nicht macht.
00:02:16: [D] Meistens ist es so, dass unser Gegenüber zum Beispiel einen Ton hat,
00:02:22: den wir als aggressiv empfinden oder so, weil er sich oder sie sich angegriffen
00:02:28: fühlt schon von was, was wir gemacht haben. Dass wir nicht auf die richtige Art geschaut
00:02:34: haben, dass wir nicht so zugehört haben, wie er oder sie sich das gewünscht hat.
00:02:40: Also das, was in uns passiert, passiert meistens in unserem Gegenüber auch schon. Und es kann
00:02:45: natürlich auch sein: Es hat gar nichts mit uns zu tun, sondern mit der vorigen Begegnung, die
00:02:50: unser Gegenüber hatte oder mit schlechter Laune. Ja, aber was passiert ist: Zum Beispiel jemand
00:02:58: sagt was in einem leicht gereizten Ton und wir reagieren auch leicht gereizt darauf.
00:03:07: Und dann kann es sein, dass dadurch das eskaliert und jeder hat so das Gefühl,
00:03:12: weißt du, wie bei kleinen Kindern: Der hat angefangen. Nein, die hat
00:03:17: angefangen. Der hat mich geschubst, ja, weil sie „Depp“ gesagt hat, ja, weil er blöd geschaut hat.
00:03:24: Jeder hat das Gefühl, er muss sich wehren, verteidigen und gegenüber
00:03:29: erlebt es halt als Angriff. Und wenn wir das nicht tun,
00:03:34: dann kann das sein, beim Gegenüber einen Moment der Gereiztheit gibt, der dann wieder abklingt.
00:03:39: So wie es bei uns einen Moment der Irritation geben kann.
00:03:43: Und wenn uns das neugierig macht: Ja, was passiert gerade in mir,
00:03:49: wie interpretiere ich das, was ist eigentlich gerade los? – dass das schon diese Offenheit ist,
00:03:56: die die Situation entspannen kann. Und wir machen ja auch diese Erfahrung,
00:04:01: meistens geht es nicht darum, wie wenn uns ein Löwe angreift, wir müssen blitzschnell reagieren.
00:04:06: Sondern angenommen, wir würden eine Sekunde nichts sagen, sondern einfach nur kurz durchatmen,
00:04:13: dass das dann nicht ist, okay, damit sind wir auf der Verliererstraße.
00:04:17: Ja, sondern dann ist es vielleicht, merken wir, dass es gar nicht um Gewinnen und Verlieren geht,
00:04:23: sondern um Verstehen: Was ist gerade los und was wird gerade bei mir ausgelöst?
00:04:30: Womit ist die Aufmerksamkeit gerade identifiziert? Was fühlt sich gerade bedroht an?
00:04:38: [B] Ich kann mich erinnern, dass wir eine Diskussion gehabt haben, ich mit einem Freund.
00:04:45: Und während er gesprochen hat, hat mein, habe ich in meinem Kopf schon gehört,
00:04:50: antwortet jetzt nicht, also sag gar nichts drauf! Also wirklich besser, ich sage nichts – nur,
00:04:55: ich habe dann trotzdem was gesagt und in dem nächsten Moment war, warum habe ich was gesagt?
00:04:59: So lustig, das irgendwie so zu beobachten, dass es fast so ein Drang oder eine Sucht
00:05:03: fast ist, oder so eine Gewohnheit ist, was antworten zu müssen oder was zurückzusagen.
00:05:08: Und nachher kann dann, für mich war dann so das Learning und die Beobachtung:
00:05:12: Je schneller ich da draufkomme, dass es eigentlich ein Blödsinn ist, je schneller
00:05:16: das erkannt wird, was da passiert, dass das so mein Lernfortschritt auch ist.
00:05:20: Weil irgendwann habe ich dann auch gar nichts mehr gesagt,
00:05:23: sondern habe dann da aussteigen können aus dem, also nicht einsteigen können, nichts mehr
00:05:28: zurücksagen können, sondern das erkennen können. Manchmal kommt man ja nach fünf Minuten drauf,
00:05:33: so nach einem Streit, das war für nichts. Meistens dann, wenn man mal diese Pause hat,
00:05:36: wenn man mal vielleicht rausgeht oder Abstand gewinnt, ja, warum habe ich das gesagt?
00:05:40: Oder war das jetzt wirklich notwendig? Und da irgendwie war mein, für mich so
00:05:43: ein Lernfortschritt, die Zeit, die vergeht, bis ich draufkomme, dass es ein Blödsinn war.
00:05:50: [D] Ja. Ja, und das kennen, glaube ich, sehr, sehr viele Leute so,
00:05:54: sag das lieber nicht, das hat Konsequenzen. Und dann hört man sich das sagen.
00:06:00: [B] Verdammt!
00:06:02: [D] Genau. Und das ist halt einfach, ja, da gibt es halt in uns verschiedene Interessen.
00:06:07: Und das eine ist zum Beispiel verstehen oder friedlich reagieren.
00:06:13: Und das andere ist, sich nichts gefallen zu lassen oder zu versuchen, einen Schmerz zu vermeiden.
00:06:19: Zu verhindern, dass jemand einem wehtut. Und Lernen ist, zu merken, wie unsere
00:06:25: Reaktion uns selber dann auch wehtun kann. Es scheint, ich muss mich wehren, aber
00:06:31: gleichzeitig bestätigt es, ich werde angegriffen. Ja, und es könnte interessant sein,
00:06:37: eben zu schauen: Angenommen, das ist genau das, was ich kennenlernen möchte.
00:06:42: Angenommen zum Beispiel jemand sagt zu dir, ihr Zebras seid doch alle gleich.
00:06:48: Ja, dann könnte es sein, dass du neugierig darauf bist, was meint er jetzt mit Zebra?
00:06:53: Ja, weil du einfach null identifiziert bist mit Zebras.
00:06:58: Wenn ich zum Beispiel zu dir sagen würde:
00:07:01: „Also ich kenne niemanden, der so schlecht strickt wie du“, ja, dann könnte es sein, dass du sagst:
00:07:07: „Ja, das kann ich mir gut vorstellen, weil habe ich noch nie gemacht.“
00:07:11: So, und es gibt keine Aktien sozusagen in „ich bin ein guter Stricker“.
00:07:20: Und wenn es was ist, was dir aber wichtig ist, dann könnte es sein, ja, die Meinung
00:07:27: ist eine Kritik und deswegen tut es weh, weil es was ist, was mir wichtig ist, zum Beispiel.
00:07:33: Der andere Punkt ist: Meistens Leute, die einen scheinbar angreifen oder halt eine Kritik äußern,
00:07:40: haben gerade selber irgendwie einen Schmerz, empfinden eine Not
00:07:45: oder sind halt einfach unzufrieden. Was ist denn gerade los bei demjenigen?
00:07:52: Bevor wir auf diese Verteidigung schalten, die losgeht mit „Unverschämtheit!“ oder
00:07:57: „du musst reden!“ oder irgendeine Art von Gegenangriff oder sonst irgendwie Verteidigung.
00:08:02: „Du hast ja keine Ahnung!“, was man dann halt so sagen kann, aber nicht muss.
00:08:12: [B] Du hast was angesprochen, was, glaube ich, eine gute Brücke ist, weil zu vielleicht einer
00:08:17: nächsten Ebene von der Frage. Und zwar kann es ja auch sein, dass man sich vor eigenen Gefühlen
00:08:23: verschließt, also wo es in einem selbst so ein bisschen abläuft, wo man dann was nicht fühlen
00:08:29: will oder was nicht haben will, sich verschließt vor etwas, wo Schmerz vielleicht aufkommen
00:08:33: könnte oder was ich nicht haben möchte. Und dann ist es ja sehr ähnlich, wie wenn
00:08:38: es jetzt ein anderer Mensch zu mir sagen würde, das Beispiel, das wir jetzt vorher gehabt haben.
00:08:43: Weil wenn ein Mensch jetzt etwas nicht so Cooles sagt oder etwas Verletzendes sagt, dann
00:08:46: geht es dem meistens ja auch nicht wirklich gut. Und da könnte man ja, wie du auch gesagt hast,
00:08:50: die Erfahrung, was ist da wirklich los so? Aber wenn man das gar nicht so kann, weil man
00:08:55: es ja nicht so vielleicht gelernt hat oder sich einfach verschließt vor den Gefühlen oder was
00:09:00: da sein mag, wie kann man dann damit umgehen? Wie kann man die Menschen dann unterstützen?
00:09:05: Oder auch für sich selbst, weil das kennt glaube ich auch fast jeder, dass da einfach Gefühle oder
00:09:11: Situationen oder Dinge aufkommen können in einem, wo man sich ein bisschen verschließt
00:09:14: davor und die man nicht haben möchte und dann nicht die mit offenen Armen willkommen heißt.
00:09:19: [D] Ich glaube, dass es hilfreich ist, sich in dem Moment zu fragen:
00:09:23: Worum geht es mir denn jetzt eigentlich? Was möchte ich?
00:09:26: Zum Beispiel: Ja, vielleicht möchte ich den anderen unterstützen oder verstehen oder sowas.
00:09:30: Das ist eine Entscheidung, oft eine sinnvolle Entscheidung.
00:09:34: Aber es ist erst mal eine Entscheidung statt: „Das lasse ich mir nicht bieten
00:09:38: und ich will nicht, dass der mich kritisiert und ich will, dass der den Mund hält“ oder so.
00:09:43: Worum geht es mir denn gerade? Oder: „Ich merke, da gibt es was in mir,
00:09:49: was sich meldet und was vielleicht auch wehtut. Das möchte ich kennenlernen oder das möchte ich
00:09:55: verstehen oder das möchte ich erleben, was da berührt wird. Interessant,
00:10:01: da gibt es eine Resonanz in mir!“ Und das könnte hilfreich sein,
00:10:06: einfach erst mal zu schauen, worum geht es mir. Möchte ich zum Beispiel, dass jetzt mein Gegenüber
00:10:10: was lernt oder möchte ich was lernen? Oder möchte ich, dass wir beide gemeinsam
00:10:15: was lernen und wenn ja, dann was? Also zum Beispiel, ich möchte lernen,
00:10:21: in so einer Situation klar zu bleiben und nicht in ein Spiel einzusteigen,
00:10:29: in dem es dann Gewinner und Verlierer gibt. Dass es vielleicht gar nicht darum geht.
00:10:35: Nehmen wir einfach so ein ganz konkretes Beispiel, wie jemand sagt: „Jetzt bist du schon wieder zu
00:10:39: spät. Du bist aber sowas von unpünktlich!“ Und wir merken, wie sich ein innerer Anwalt
00:10:47: einschaltet und jetzt unser Anwalt sagt: „Der hat gesagt, ich bin unzuverlässig!“ oder sowas.
00:10:54: Einfach so, wie kann man das jetzt noch steigern, wie kann man das in was Schlimmeres übersetzen?
00:10:58: Und dann sagt unser Anwalt zum Beispiel: „Ja du musst reden,
00:11:03: wie oft habe ich schon auf dich gewartet!“ Oder wir wechseln mal das Thema und schauen,
00:11:09: wie wir einen Gegenangriff starten können oder so. Und angenommen, das wäre eine bewusste
00:11:15: Entscheidung und wir sagen: „Ha, ich lerne jetzt taktisch vorzugehen und das
00:11:22: hilft mir in meinem Dasein als Anwalt.“ Ja, klar, wenn man zu viele Freunde hat,
00:11:28: sehr hilfreiche Maßnahme. Und die Alternative wäre eben:
00:11:34: Lass mal schauen, interessant, man kommt immer wieder in solche Situationen.
00:11:38: Wie kann man mit der Situation vielleicht anders umgehen, mit jemandem, der einem wichtig ist?
00:11:44: Lass uns schauen, wie da eine größere Klarheit hinterher sein kann als vorher.
00:11:51: Und das braucht einen Raum für das, was da berührt wird, statt:
00:11:56: „Hey, das soll nicht berührt werden!“ Das darf fühlbar werden.
00:12:02: Und was in mir an Gefühlen auftaucht, ist willkommen, weil es in mir auftaucht.
00:12:09: [B] Und auch so bissl das Zurückgehen und den Raum, dass man sich die
00:12:15: Zeit und den Raum ja dafür nimmt. Und das ist – ich kann, wie gesagt,
00:12:19: nur aus meiner Erfahrung sprechen – ein Riesenunterschied, wenn man sich den Raum
00:12:24: gibt und mal zurücktritt und ein bisschen entschleunigt und einmal durchatmet oder
00:12:28: auch einmal bewusst wirklich durchatmet und auch rausgeht aus einer Situation und dann
00:12:32: wiederkommt, dann ist es ganz anders, als wenn man den Raum sich nicht gibt.
00:12:37: [D] Ja, es gibt immer mal Tunnelmomente, weißt du, wo die Aufmerksamkeit sich
00:12:42: verengt auf irgendwas, was gerade stresst. Ja, also vorhin habe ich gesagt, angenommen,
00:12:48: jemand rennt mit dem Messer auf einen zu. Ja, das würde die Aufmerksamkeit
00:12:52: sehr verengen – sinnvollerweise. Ja, das ist nicht, dass wir währenddessen
00:12:57: denken: „Aber hübsches Vogelgezwitscher hier“ – sondern es wäre einfach klar, der Tunnel,
00:13:03: das ist der Fokus von diesem Moment. In ganz vielen Fällen ist es aber so,
00:13:08: dass wir diese Verengung nicht brauchen und auch oft gar nicht wirklich bewusst bemerken.
00:13:16: Weil diese Verengung selber nicht im Fokus ist. Wir merken sie im Hintergrund dadurch, dass sich
00:13:23: eben unser Gefühl verengt, dass der Körper sich anspann, dass der Blick sich auch verengt und dass
00:13:28: das Denken nur noch ein Thema hat und vielleicht nur noch eine Stimme, die echt laut wird.
00:13:33: Und das zu bemerken ist schon mal einfach echt interessant.
00:13:37: Weil was in diesen Tunnelmomenten passiert, ist, dass wir Freiheit verlieren.
00:13:45: Ja, also so wie du das vorhin beschrieben hast: Da ist eine Stimme, die sagt: „Sag lieber nichts.“
00:13:52: Aber in diesem Tunnel passiert einfach das, dass was gesagt wird, was du nicht willst.
00:14:00: Und das ist, was ich meine, es gibt keine Entscheidungsfreiheit mehr,
00:14:04: es gibt keine Klarheit mehr, es ist alles irgendwie, es läuft wie auf Schienen.
00:14:09: Ja, und das ist halt einfach ein Notfallprogramm vom Organismus.
00:14:13: Wie gesagt, wenn uns ein Löwe anfallen würde, super sinnvoll, nicht groß drüber nachzudenken,
00:14:21: wie man sich jetzt verhalten sollte oder sowas, sondern den Körper
00:14:25: einfach machen zu lassen, was er dann halt kann. Also entweder weglaufen, wenn da noch genug Zeit
00:14:32: ist oder sonst halt kämpfen, wenn es sein muss. Ohne dass das Denken sich einmischt oder ohne
00:14:41: dass wir sagen: „Warte mal, vielleicht meint der Löwe es ja gar nicht so“ oder was weiß ich was.
00:14:46: Es gibt diese lebensgefährlichen Situationen, wo es wirklich um körperliche Bedrohungen
00:14:52: geht und da kommt das halt her. Von unseren Vorfahren, die in
00:14:57: solchen Situationen waren, wo sie wirklich kämpfen mussten, körperlich kämpfen mussten.
00:15:01: Und wir haben dieselbe Grundausstattung, aber einfach eine andere Umgebung,
00:15:06: in der das nicht mehr passt. Und das zu lernen und zu verstehen:
00:15:10: Ja, die Grundausstattung ist darauf ausgelegt, das als einen Angriff zu empfinden,
00:15:15: wo jemand anders einfach eine Bitte äußert. „Ich habe doch nur gesagt, könntest du deine
00:15:22: Socken bitte mal wegräumen?“ Und unsere Reaktion ist:
00:15:27: „Ach, als ob du perfekt wärst!“ Übersetzt von unserem Anwalt,
00:15:33: der sagt: „Das ist eine Unverschämtheit, die weiß gar nicht, was sie an mir hat!“
00:15:39: Und das zu bemerken und zu wissen: ja, es gibt diesen Anwalt, der für uns
00:15:42: kämpft und uns verteidigen will, weil da eine Interpretation ist: „Wir werden angegriffen.“
00:15:50: Das zu lernen hilft, frei zu werden von diesem Anwalt.
00:15:54: Das heißt nicht, dass wir den nicht mehr hören oder dass der fristlos gekündigt ist,
00:15:59: sondern dass wir das nicht mehr ernst nehmen. Dass wir das nicht für uns halten, was da spricht,
00:16:06: sondern für einen Verteidigungsmechanismus. Als Verteidigungsmechanismus erkennen.
00:16:11: [B] Ganz spannend finde ich, dass das wirklich so stark sein kann in
00:16:15: dem Moment und dann ein paar Minuten und Momente später oder spätestens am
00:16:19: nächsten Tag, wo man meistens drüber geschlafen hat, kommt man drauf.
00:16:21: Wie gesagt, bei mir war das Learning, je kürzer die Zeit geworden ist,
00:16:24: wo ich es erkannt habe, wo es erkannt worden ist. Also „hat das jetzt wirklich sein müssen?“ – als
00:16:29: würde man sich selber einmal das glauben und dann im nächsten Moment das glauben.
00:16:34: Das kann ja nicht wirklich von mir ausgehen. Ich kann nicht der Macher von dem sein.
00:16:38: Das wäre ja komisch, würde ich einmal das sagen und dann das sagen.
00:16:42: [D] Es ist halt einfach eine extreme Verengung der Aufmerksamkeit.
00:16:45: Das ist, was ich mit Tunnel meine. Diese Verengung der Aufmerksamkeit auf ein Thema,
00:16:50: und oft ist dieses Thema eben: „He, so nicht!“ Etwas, was uns stört, irritiert,
00:16:56: reizt, Angst macht, ekelt. Ja, und dann wird das halt raumfüllend.
00:17:04: [B] Ja, ich meine aber, das wäre komisch, wenn wir das wirklich wären, der sich das aussucht,
00:17:08: oder? Der sich aussucht: „So, ich schneide das jetzt aus, das, und ich …“
00:17:13: Das ist irgendwie schon für mich so ein Zeichen, das kann es nicht sein, oder?
00:17:17: [D] Ja, das ist eine gute Gelegenheit zu bemerken:
00:17:22: Das ist irgendwie so ein, nennen wir es Programm, was da abläuft.
00:17:27: [B] Ja.
00:17:28: [D] Und ich habe es mir nicht wirklich ausgesucht. Und auch zu bemerken, dass es sich trotzdem super
00:17:34: persönlich anfühlen kann und die Aufmerksamkeit völlig mit diesem
00:17:39: Gedanken verschmelzen kann – oder fast völlig mit diesem Fokus verschmelzen kann.
00:17:44: Ja, das ist, was man dann Identifikation nennt. Und dann ist es natürlich
00:17:50: auch eine interessante Frage: Gibt es denn was außerhalb von diesem Fokus?
00:17:56: Wir bemerken, dass die Aufmerksamkeit sich verengt und dass die mal voll bei
00:18:02: einer einzigen Sache sein kann. Und was ist das, was diese
00:18:07: Verengung vom Fokus bemerkt? Das ist ja immer noch da.
00:18:14: Wir merken, wenn wir in so einen Tunnel kommen, wenn sich der Fokus verengt, wenn es eine
00:18:20: Anspannung im Körper gibt zum Beispiel. Das ist ja, was wir fühlen. Ja?
00:18:25: Das erscheint nur irgendwie durch diese Identifikation so selbstverständlich,
00:18:32: dass das Problem da draußen ist: derjenige, der was Falsches zu uns gesagt hat.
00:18:40: Und dann scheint es: Wir sind der Anwalt. Und wir verlieren das Gefühl dafür, für
00:18:45: die Ganzheit vom Erleben, in der bemerkt wird: Der Fokus verengt sich.
00:18:50: Und das ist eine interessante Beobachtung. Das ist ein interessantes Erleben.
00:18:58: Und sobald das wieder da ist: Wow, ich erlebe das gerade, wie sich der Fokus verengt und wie
00:19:05: sich dieser innere Anwalt meldet und wie es da vielleicht so eine zweite Stimme gibt, die sagt:
00:19:12: „Aber es ist doch auch interessant, das zu erleben!“, und das Gefühl sagt „Pchhhmmm!“ – diese
00:19:18: Vielfalt des Erlebens in dem Moment ist einfach was, was aus diesem Tunnel auch wieder rausbringt.
00:19:24: [B] Und wo auch Lernen passiert, oder? Durch das Beobachten und durch diesen Unterschied,
00:19:30: weil ohne dieses Bewusstsein über das, ohne dieses Raustreten, haben wir vorher, glaube ich,
00:19:34: so beschrieben, ist es, glaube ich, möglich, das auch dann irgendwie zu ändern oder zu erkennen
00:19:38: oder dann nächstes Mal anders zu machen. Weil sonst ist immer irgendwie,
00:19:42: man steigt in diesen Zug ein, weil du vorher Schienen angesprochen hast.
00:19:47: Und ohne dieses Erkennen steigt man immer automatisch in den Zug ein.
00:19:50: Aber mit dem Erkennen hat man die Möglichkeit vielleicht, so wie ich
00:19:53: das mit diesem Zeit-Learning, den Zeitrahmen vom Lernen für mich beschrieben habe, dass man
00:19:59: vielleicht nicht gleich einsteigt oder gleich wieder aussteigt oder gar nicht mehr einsteigt.
00:20:04: [D] Ja, und zum Erkennen gehört auch die Bereitschaft, was zu fühlen,
00:20:11: was wir uns nicht gewünscht haben. Ja, so wie du vorher gesagt hast,
00:20:16: wir haben ja diesen Ausschnitt nicht gewählt: Es ist ja auch nicht so, dass wir dieses
00:20:20: Gefühl gewählt haben. Zum Beispiel den Schmerz,
00:20:22: der da auftaucht, darüber, dass wir nicht gesehen werden oder dass wir uns nicht
00:20:29: geliebt fühlen oder solche Sachen. Das zu fühlen, die Bereitschaft,
00:20:33: das zu fühlen, hilft halt zu merken: Ja, das ist irgendwie vielleicht eine
00:20:40: alte Aufzeichnung oder eine alte Reaktionsweise oder so.
00:20:45: Weil wenn wir das automatisch verteidigen, fühlt es sich immer an,
00:20:48: als wäre das was Aktuelles und als wären das wir – statt etwas, was in uns auftaucht.
00:20:55: [B] Das ist der Riesen, Riesen, Riesen-Unterschied.
00:20:59: [D] Das ist ein Riesen-Unterschied – und das ist trotzdem in dem Moment nicht irgendwie:
00:21:04: „Ach wie schön, dass ich merke, wie der Schmerz in mir ausgelöst wird!“
00:21:08: Das heißt nicht heitere Gelassenheit, sondern das heißt Bereitschaft.
00:21:13: Offenheit für das, was erlebt wird. Und aus dem kann sich das dann lösen und aus
00:21:18: dem kann ein Gefühl von Klarheit kommen und mit der Klarheit auch Freiheit, anders zu reagieren.
00:21:25: Aber es ist die Bereitschaft, was zu fühlen, was gerade wehtut.
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