Schmerz, Leid – wo ist der Unterschied?
Shownotes
Schmerz ist ein natürlicher Teil des Lebens. Leid auch?
Im Gespräch geht es um körperlichen Schmerz, Trennungsschmerz und die Geschichten, die wir uns dazu erzählen. Dabei erkunden wir eine Sichtweise, die sich häufig in spirituellen und psychologischen Beschreibungen findet: Entsteht Leid erst durch die Geschichte, die wir über Schmerz erzählen?
Dabei wird deutlich, dass Worte hilfreich sein können, um Erfahrungen zu beschreiben – und zugleich den Blick auf das unmittelbare Erleben verdecken können.
Themen: • Schmerz und Leid • Trennungsschmerz und Verlust • Geschichten und Selbstbilder • Worte und direktes Erleben • Aufmerksamkeit und Emotionen • Der „Anwalt des Dramas“
Re-Source – Leben als Spielraum Gespräch 17
Mehr Informationen: https://dittmar-kruse.com/re-source
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00:00:00: [B] Lieber Dittmar, was ist der Unterschied zwischen Schmerzen und Leiden?
00:00:06: [D] Je nachdem, wer die Wörter verwendet. Es ist ja nicht so, dass es da irgendwie so
00:00:11: eine Standarddefinition gibt und alle, die das benutzen, meinen das Gleiche.
00:00:17: Also man könnte sagen: Schmerz ist eher die körperliche Komponente,
00:00:24: und Leiden ist vielleicht eher was, was dann auch mit den Emotionen zu tun hat, mit der emotionalen
00:00:29: Reaktion darauf, wenn man Schmerzen hat. Nehmen wir mal einen Sportler oder Sportlerin,
00:00:36: die gerade was gewonnen hat, Weltmeisterin geworden ist, aber Schmerzen im Bein hat.
00:00:44: In dem Moment wird die bestimmt nicht sagen, sie leidet jetzt unter diesem Schmerz, sondern:
00:00:49: „Ja, das ist da – und ich bin Weltmeisterin!“ Wenn man da eine Unterscheidung machen möchte
00:00:55: zwischen Schmerz und Leid, dann könnte man sagen: Schmerz ist, was körperlich da ist, wie
00:01:01: zum Beispiel auch Durst körperlich da sein könnte. Und Leid ist, wenn das die Emotionen auch ergreift
00:01:10: und vielleicht auch das Denken ergreift – was das natürlich beliebig verschlimmern kann.
00:01:15: Ja, so: „Warum passiert sowas immer mir?“, also das zu einer persönlicheren Sache machen kann.
00:01:22: [B] Dann lass uns über das ein bisschen genauer reden,
00:01:26: weil ich finde diesen Unterschied ganz spannend. Wenn man jetzt Schmerz so nimmt als wirklich,
00:01:31: sagen wir mal, akuten Schmerz: „Ich hau mir mit dem Hammer auf den Finger,
00:01:36: das tut weh“, das ist für mich Schmerz. Leiden wäre: „Immer bin ich der, der sich
00:01:42: auf den Finger haut“ und das einfach weiter spinnt gedanklich oder Geschichten draus macht.
00:01:47: Vielleicht können wir auf den Unterschied ein bisschen genauer eingehen.
00:01:50: [D] Ja, weißt du, das ist eine Art, das zu beschreiben ist, zu sagen:
00:01:54: Leid ist der Kommentar dazu, die Geschichte dazu, die ich mir erzähle,
00:01:59: das Selbstbild, auf das ich das beziehe oder so. Aber in meinem Sprachverständnis – wie gesagt,
00:02:06: das ist was Subjektives und Leute können das unterschiedlich
00:02:09: verstehen – gibt es aber auch so was wie zum Beispiel, dass Tiere leiden können.
00:02:14: Und die haben nicht den Gedanken „warum immer ich“ oder sowas.
00:02:18: Aber zum Beispiel ein Tier in Massentierhaltung, würde ich sagen, leidet.
00:02:25: Für mein Sprachverständnis kann ein Tier leiden, ohne Ego.
00:02:30: [B] Absolut. Ich glaube, die Frage ist aufgekommen, weil man ja auch da
00:02:36: so manchmal sagt, wenn jetzt zum Beispiel ein Freund oder eine Freundin sich frisch
00:02:40: getrennt hat und Schmerz empfindet, ja, der leidet immer noch unter der Trennung.
00:02:47: Und dann verbindet er auch mit diesem, wenn man es so jetzt gebraucht, die Erinnerungen an das,
00:02:53: an das Schöne, das er gern wiederhaben möchte – und dann leidet man unter diesen Vorstellungen.
00:02:58: Und da kann es, glaube ich, auch ganz hilfreich sein, aber da doch
00:03:02: so ein bisschen Unterscheidung zu finden, was das Leiden vielleicht noch mehr macht.
00:03:09: Und man sagt ja auch dann einfach den Schmerz so annehmen, wer ist, dass man sich einfach,
00:03:14: dass es dazugehört, wenn man sich trennt, dass es einfach wehtut, dass es ja part of the game ist,
00:03:20: wenn man nahe ist. Aber es kann zumindest sein. Die wenigsten Trennungen sind, glaube ich „Ja,
00:03:25: wir sind alle so happy, fröhlich und springen durch die Blumenwiesen.“
00:03:30: [D] Ja. Wenn man sagt, Leid ist was Mentales oder Emotionales;
00:03:38: er hat zu tun mit den Erinnerungen und mit der Zukunftsprojektion:
00:03:42: „Wir werden nie wieder zusammen sein und ich vermisse ihn oder sie so“ – dass
00:03:48: das körperlich fühlbar ist, aber man würde nicht zum Arzt gehen und sagen:
00:03:54: „Können Sie mir mal ein Schmerzmittel verschreiben?“
00:03:57: Insofern könnte man sagen, ja, das ist dann kein wirklicher körperlicher Schmerz.
00:04:02: Aber wenn man diese Situation erlebt, dann ist es einfach auch kein so großer Unterschied.
00:04:09: Es ist nicht, dass wir sagen können: „Finde dich mit der Trennung ab, 3, 2, 1, bist du drüber weg?“
00:04:18: Sondern dass der Organismus da einfach auch seine Verarbeitungszeit braucht und Zeit braucht, um mit
00:04:25: dieser Trennung und dem Verlust von einem Menschen in meinem Leben klarzukommen, das zu verarbeiten.
00:04:34: Deswegen ist immer die Frage, finde ich: Wie weit ist es sinnvoll, diese Begriffe
00:04:40: so zu trennen, als wären das wirklich zwei verschiedene Sachen?
00:04:45: Und wie weit ist es näher an unserem Erleben jenseits der Worte und jenseits der Gedanken, zu
00:04:54: merken, was für ein fließender Übergang das ist. Wie Worte so eine künstliche Einteilung da
00:04:59: reinbringen, dass wir sagen: „Okay, das ist jetzt Leid, aber das ist Schmerz.“
00:05:04: Und in unserem Erleben ist es: Ja, nenn es wie du willst, das Gefühl
00:05:08: ist eh was anderes als wie es benannt wird. Zum Beispiel dieser seelische Schmerz ist
00:05:14: ja einfach was anderes, als sich den Fuß anhauen. Eindeutig was anderes.
00:05:18: Aber sich den Fuß anhauen ist auch ein ganz anderes Gefühl als Kopfweh.
00:05:25: [B] Ich finde es ein extrem spannender Hinweis oder Beobachtung oder Tatsache, dass
00:05:30: Worte halt Worte sind und auch ihre Macht haben. Aber es darf nicht so eine Definition sein. Weil,
00:05:41: wie du ja beschrieben hast, es sind diese fließenden Übergänge.
00:05:43: Und Schmerz, Leid, wo ist der Unterschied? Dass diese Trennung auch in Worten stattfinden
00:05:49: kann, über die wir vielleicht ab und an hinwegsehen sollten.
00:05:54: Dass es eben mehr gibt als diese Benennungen und Bezeichnungen und Definitionen.
00:05:58: [D] Jedes Wort kann praktisch sein, um Erfahrungen mitzuteilen,
00:06:04: anderen Leuten mitzuteilen und auch in unserem Denken irgendwie zu verarbeiten.
00:06:08: Wie zum Beispiel, ja, das ist Trennungsschmerz. Und das bei anderen Leuten zu erkennen: Ja,
00:06:15: das ist Trennungsschmerz und so weiter. Super hilfreich, super hilfreiches
00:06:19: Kürzel – wenn wir nicht das Kürzel mit dem wirklichen Erleben verwechseln.
00:06:27: Und wenn das ein Ersatz dafür sein soll, ist es halt immer ein schlechter Ersatz.
00:06:34: Und so kann jedes Wort auch ein Hinweis darauf sein, darüber hinaus zu schauen oder zu fühlen,
00:06:41: zu erleben, was ist denn eigentlich das, wofür das Wort nur ein Platzhalter ist.
00:06:51: Und das könnte zum Beispiel in so einem Thema wie „Ich leide unter Trennungsschmerz“ und so weiter,
00:06:57: könnte das eine Möglichkeit sein, das wirkliche Erleben zu trennen von der
00:07:05: Geschichte, die ich mir darüber erzähle. Wie zum Beispiel: „Wir hätten noch so eine
00:07:10: schöne Zukunft vor uns gehabt“ – was immer diese Geschichten dann sein mögen, die da auftauchen:
00:07:17: „Wenn das nicht passiert wäre, dann wären wir noch zusammen.“
00:07:19: Alles, was die Emotionen am Laufen hält und andererseits von den Emotionen aber ablenkt,
00:07:27: von dem, was erlebe ich denn wirklich? – sondern die Aufmerksamkeit auf eine Geschichte lenkt,
00:07:33: und die Emotionen beziehen sich immer mehr auf die Geschichte.
00:07:35: Und wie wir auch schon mal über „inneren Anwalt“ gesagt haben:
00:07:39: Ja, es gibt diesen inneren Anwalt, der uns verteidigt und es gibt diesen Anwalt des Dramas,
00:07:43: der erzählt, wie schlimm das alles ist und wie furchtbar die Zukunft
00:07:48: wird und dass die Vergangenheit genial war mit diesem Menschen und so weiter.
00:07:55: Und die Emotionen beziehen sich dann immer mehr auf diese Geschichten, und durch die Geschichten
00:08:02: verlieren wir das Gefühl fürs direkte Erleben. Und wenn uns das bewusst ist, dann können wir
00:08:10: zu diesem ursprünglichen Gefühl zurückkehren und uns diesen Raum
00:08:16: dafür geben, zu fühlen, was wir gerade fühlen. Ohne es zu verschlimmern durch Geschichten wie
00:08:24: „warum passiert es immer nur mir“ – und unser Leid zu vergrößern und unseren Schmerz zu vergrößern.
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