Ganzheit fühlen
Shownotes
Viele Menschen suchen nach besonderen Erfahrungen – nach etwas, das „erfüllend“ ist.
Dabei zeigt sich Lebendigkeit oft gerade in einfachen Momenten: im Klang der Blätter unter den Füßen, im Vogelgezwitscher, im Blick auf einen Hund, im direkten Erleben dieses Augenblicks.
Im Gespräch geht es um zwei grundlegende Fragen:
• Wie ist die Aufmerksamkeit jetzt gerade? • Was liebe ich?
Denn nicht nur das, worauf wir achten, prägt unser Erleben — sondern auch die Art der Aufmerksamkeit selbst.
Wir sprechen darüber, • wie Gedanken das Erleben filtern • warum der Moment oft „nicht gut genug“ erscheint • wie Ganzheit im direkten Erleben fühlbar wird • was Dankbarkeit ist • warum Offenheit keine Technik ist, sondern eine Erlebensweise
Themen: • Aufmerksamkeit und gegenwärtiges Erleben • Offenheit für den Moment • Gedanken, Bewertungen und innere Filter • Ganzheit statt Fragmentierung • Dankbarkeit und Lebendigkeit • Erlebensraum und Präsenz • unmittelbare Wahrnehmung • Schönheit einfacher Erfahrungen
Re-Source – Leben als Spielraum Gespräch 14
Mehr Informationen: https://dittmar-kruse.com/re-source
Transkript anzeigen
00:00:00: [B] Lieber Dittmar, was sind deiner Meinung nach Fragen, die man sich im Leben stellen sollte?
00:00:07: [D] Ich würde sagen, zwei wirklich grundsätzliche Fragen. Die eine ist
00:00:14: sehr gegenwartsbezogen und die ist: Wie ist die Aufmerksamkeit jetzt gerade?
00:00:21: Wo ist die Aufmerksamkeit und welche Art von Aufmerksamkeit ist das?
00:00:26: Welche Stimmung ist in dieser Aufmerksamkeit? Also zum Beispiel ist es gereizte Aufmerksamkeit:
00:00:32: „Das darf doch nicht wahr sein!“ oder ist es ängstliche Aufmerksamkeit?
00:00:37: Ist da ein Kommentar im Spiel? Wie ist das Erleben jetzt gerade?
00:00:43: Und die zweite Frage ist damit verwandt, aber macht größere Perspektive sozusagen, ist, was
00:00:49: liebe ich? Dann gibt es Sachen, die uns entgehen würden in einer anderen Art der Aufmerksamkeit.
00:00:57: Wie zum Beispiel, ich esse gerade was, was ich wirklich gern mag. Oder ich höre Musik,
00:01:03: die ich gern mag. Oder bin mit einem Menschen zusammen, den ich gern mag. Fühle mich gut.
00:01:09: So diese Sachen, die sonst oft im Hintergrund bleiben.
00:01:12: Und mit der Frage „Was liebe ich?“ gibt es einmal dieses: mein Lieblingsgeschmack,
00:01:17: meine Lieblingsmusik. Und vor allem gibt es
00:01:21: meine Lieblingsart der Aufmerksamkeit. Gereizte Aufmerksamkeit zum Beispiel ist
00:01:27: für die meisten Leute, glaube ich, nicht so die Lieblingsart der Aufmerksamkeit. Oder ängstlich.
00:01:32: Und wahrscheinlich auch nicht zerstreute Aufmerksamkeit. Dass der Kopf voller Gedanken
00:01:39: ist und wir nicht wirklich bei der Sache sind. Welche Art der Aufmerksamkeit lieben wir?
00:01:46: Liebevolle Aufmerksamkeit. Diese Offenheit für,
00:01:51: wie ist dieser Moment gerade?
00:01:58: Diese Offenheit für das Erleben, wie es sich jetzt gerade zeigt.
00:02:02: Wenn wir mit der Aufmerksamkeit ganz da sind, statt Teile rauszunehmen,
00:02:07: die uns gefallen und Teile weghaben zu wollen, dann erleben wir als Ganzes.
00:02:14: Diesen Moment als Ganzes mit uns als Ganzes in einem größeren Ganzen.
00:02:21: Und ich liebe das.
00:02:27: mir ist, sondern dass das was Universelles ist.
00:02:35: Und das erleben wir, wenn wir darauf achten.
00:02:43: Offenheit für den Moment, wie er gerade ist.
00:02:49: die ich wesentlich finde:
00:02:55: Und die große Frage, was liebe ich? Welche Art der Aufmerksamkeit liebe ich?
00:03:03: [B] Man kann sich die Frage, glaube ich, oft selber stellen.
00:03:08: Und es gibt auch, glaube ich, viele Möglichkeiten im Alltag, dass das
00:03:14: irgendwie eine Einladung vom Leben gibt. Weil, wenn ich deinen Worten so lausche,
00:03:19: poppt bei mir so das Bild auf, wenn ich mit meinem kleinen Hund spazieren gehe, mit dem Loui.
00:03:22: Dann sieht man sehr oft, dass wir an Mensch vorbeigehen und auf einmal haben
00:03:26: die ein Lächeln im Gesicht.
00:03:29: als würde dann irgendwie mehr Präsenz da sein, weil ein Hund,
00:03:32: vor allem der Loui, weil er sehr süß ist, zieht dann noch mehr, lädt noch mehr ein,
00:03:39: diesen Moment voll wahrzunehmen, präsent zu sein. Also man hat die Möglichkeit, sich die Fragen zu
00:03:45: stellen und wahrscheinlich auch das Leben selbst, das viele Möglichkeiten bietet, voll da zu sein.
00:03:52: [D] Ja, es gibt eine Menge Einladungen, wie zum Beispiel einen süßen Hund oder blühende Natur oder
00:04:00: Vogelgezwitscher oder Herbstblätter.
00:04:06: wenn wir nicht bei der Sache sind, wenn wir über was anderes nachdenken.
00:04:10: Und das zu merken, wie ist das, wenn wir abgelenkt sind, ist wirklich hilfreich dafür, uns wieder
00:04:19: dem Moment zuzuwenden, so wie er gerade ist. Und zum Beispiel einen süßen Hund wahrzunehmen.
00:04:25: Und dadurch sinkt diese Schwelle von: Was muss da für eine Sensation passieren? Es
00:04:30: muss nicht Geld regnen, um wach zu sein. Oder um diesen Moment schön zu finden.
00:04:38: Es reicht, dass die Blätter unter meinen Füßen interessant klingen.
00:04:45: [B] Und wenn dann ein Gedanke aufkommt, der sagt: „Was soll das jetzt?“
00:04:51: Oder „das ist ja viel zu wenig.“ So eher was Ablehnendes oder Abwertendes.
00:04:56: Weil das passiert ja, glaube ich, manchmal, dass so eine Es-reicht-nicht-Haltung
00:05:00: eingenommen wird vom Denken, oder eine abwertende Haltung oder Position.
00:05:05: [D] Ja, genau. Und das ist, was ich meine mit: wie ist die Aufmerksamkeit jetzt.
00:05:09: Dieses Abwerten des Moments kommt ja nicht von nichts, sondern es kommt von so einer Haltung
00:05:16: wie zum Beispiel: „Und was bringt mir das jetzt? Dadurch bin ich auch nicht reich oder dadurch ist
00:05:21: meine Wohnung auch nicht größer geworden.“ So diese Konsumentenhaltung, die da so
00:05:27: einen kritischen Blick aufs Erleben wirft und sagt, müsste eigentlich besser sein.
00:05:32: Also „reicht mir nicht“, dass das ja einfach ein Faktor ist, wie so eine Art Selbsthypnose,
00:05:38: die den Moment dann nicht so schön erscheinen lässt, sondern die was anderes will.
00:05:45: Und dann ist diese Offenheit weniger fühlbar. Geht mehr in den Hintergrund.
00:05:51: Ja, da ist die ganze Zeit Offenheit fürs Erleben. Das, was jetzt hört, ist Offenheit, aber gefiltert
00:06:03: oft durch zum Beispiel „kenne ich alles schon“, oder „das bringt mir jetzt auch nichts“,
00:06:08: oder „ich will was Besseres.“ Zu erleben: Was macht das mit der
00:06:14: Aufmerksamkeit? Wie trübt das diesen Moment? ist super hilfreich, um zu verstehen, dass,
00:06:23: solange diese Art von Denken geglaubt wird oder im Vordergrund ist, dass dieser Moment einfach
00:06:31: viel weniger Chancen hat, schön zu sein. Da muss es halt wirklich Geld regnen, zum
00:06:36: Beispiel, und dann sagt das Denken vielleicht irgendwie, toll, das hätte ich früher brauchen
00:06:41: können. Oder irgendwas halt. Also abwerten ist eine Haltung.
00:06:49: Und die kann natürlich auch berechtigt sein, aber oft ist das so eine Art Grundhaltung.
00:06:56: Und das zu bemerken: Da ist diese beurteilende Stimme oder Meinung,
00:07:03: durch die das Erleben dann durchgefiltert wird.
00:07:08: Und dann scheint jetzt irgendwas Sensationelles passieren zu müssen,
00:07:12: damit dieser Filter aufhört.
00:07:16: was da abläuft – wie ist die Aufmerksamkeit jetzt gerade? –, kann es sein, dass wir testhalber
00:07:21: einfach mal dieser Stimme keinen Glauben schenken und einfach interessiert dran sind, weißt du,
00:07:28: so wie wir interessiert dran sein können:
00:07:31: was passiert dann mit dem Gefühl?
00:07:39: Weil unsere Art der Aufmerksamkeit ist, wie wir in Kontakt mit der Welt sind.
00:07:44: [B] Dass man eine Beobachterposition einnimmt, zurücktritt und das Ganze
00:07:49: mal wirklich betrachtet, was da vor sich geht. Welche Gedanken welche Gefühle dann hervorrufen.
00:07:55: Und vielleicht kann man, ich kenne es halt so von mir, dass man dann wirklich
00:07:58: auch diesen Filter erkennen kann.
00:08:03: dann ist alles ein bisschen anders. Es fühlt sich ein bisschen anders an, zumindest so bei mir.
00:08:08: Und es ist dann auch so ein Gefühl von Dankbarkeit da.
00:08:12: Dankbarkeit nicht irgendwas gegenüber, zum Beispiel jetzt dem Ding oder der Sache,
00:08:17: sondern so eine grundsätzliche Dankbarkeit, da zu sein.
00:08:21: [D] Ja. Dankbarkeit für diese Lebendigkeit, die erlebt wird und die erlebt.
00:08:28: Und wie du sagst, man kann das „Beobachterposition“ nennen,
00:08:31: das ist ein bisschen missverständlich, weil es eigentlich nur um diese Offenheit geht.
00:08:37: Aber was dadurch wegfallen kann, ist dieses durch den Filter die Welt sehen.
00:08:44: Ja, so wie man durch eine Brille die Welt sieht: Wenn du eine Sonnenbrille auf hast,
00:08:49: dann sieht die Welt halt grau oder blau oder je nach Farbe der Sonnenbrille aus.
00:08:54: Und wenn du die Brille selber anschaust, dann siehst du, ah ja,
00:08:58: ein Blaufilter oder ein Graufilter.
00:09:07: diesen Filter selber anzuschauen, statt durch ihn hindurch identifiziert die Welt anzuschauen.
00:09:16: Weißt du, weil bei Positionen ist es halt schnell so,
00:09:23: als würden wir irgendwie dem gegenüberstehen.
00:09:28: die das sagt und dann sind wir der Beobachter von dieser Stimme oder so, statt das ist etwas,
00:09:33: was in dem Ganzen auftaucht, ja? So wie du deinen Hund siehst, ohne
00:09:40: der Beobachter des Hundes zu sein, sozusagen.
00:09:46: durch Positionen passiert ja auch eine Trennung dann irgendwie.
00:09:49: Und dann hat man diese, ja, diese Einteilung, die es eigentlich gar nicht braucht,
00:09:54: sondern wie du jetzt gerade beschrieben hast, so, dass es einfach ein Ganzes ist, das erlebt.
00:10:00: Und dann wird der Filter erlebt. Vielleicht ist das eine genauere Beschreibung.
00:10:05: [D] Ja. Also es ist nicht, dass die Beschreibung falsch ist, sie ist nur
00:10:10: ein bisschen missverständlicher als zum Beispiel, wenn du das Erleben beschreibst als Erlebensraum.
00:10:18: Das ist halt einfach allumfassend, umfasst das,
00:10:21: was du siehst, den Hund und die Landschaft und die Gedanken und die Gefühle und die Blätter
00:10:29: unter den Füßen, alles. Ein Erlebensraum.
00:10:35: Das Wesentliche ist die Ganzheit im Erleben. Die Ganzheit des Moments, so wie er gerade ist.
00:10:44: Wenn die gefühlt wird, fühlt sich der Moment schön an.
00:10:48: Wenn die nicht gefühlt wird, fühlt sich der Moment unvollständig an.
00:10:53: Und dann übernimmt das Denken und kommt mit, was ihm jetzt fehlt.
00:10:58: Also "ist mir jetzt nicht gut genug, bringt mir jetzt nichts" oder so.
00:11:01: Aber dass das Denken das ist, was diesen Moment irgendwie so fragmentiert und
00:11:05: unvollständig erscheinen lässt, das hat das Denken einfach nicht wirklich auf dem Schirm.
00:11:12: Und ich glaube, universelle Erfahrung ist: Wenn das Denken mal still ist für
00:11:18: einen Moment oder für eine Minute, dass diese Ganzheit direkt fühlbar ist.
00:11:25: Und auch fühlbar ist, das ist nichts, was ich jetzt gemacht habe, herbeigeführt habe,
00:11:29: sondern einfach, was sich zeigt, wenn das Denken nicht davon ablenkt.
00:11:37: Wenn das Denken nicht irgendwelche Elemente da rauszieht,
00:11:40: abstrahiert und dann unzufrieden ist mit dieser Unvollständigkeit, die das mit sich bringt.
00:11:49: Und ohne das ist da einfach diese Ganzheit fühlbar.
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