Wachheit vor dem Denken
Shownotes
Gedanken kommentieren, benennen, vergleichen, bewerten …
Doch das Erleben ist schon da, bevor Worte auftauchen.
Du hörst die Gitarre, bevor das Denken „Gitarre“ sagt. Du schmeckst den Unterschied zwischen Birne und Apfel, ohne ihn zu erklären.
Im Gespräch erkunden Dittmar Kruse und Bernd Stadlober, wie direktes Erleben und Denken zusammenwirken – und wie Aufmerksamkeit sich wieder aus inneren Kommentaren in die Weite der sinnlichen Wahrnehmung öffnen kann.
Es geht um Denk-Gewohnheiten, um das Zusammenspiel von Gefühl und Gedanken, und um die Frage, wie Präsenz erfahrbar wird – mit oder ohne Denken.
Denn Gedanken sind nicht das Problem. Aber sie müssen auch nicht ständig im Mittelpunkt stehen.
Re-Source – Leben als Spielraum Gespräch 13
Mehr Informationen: https://dittmar-kruse.com/re-source
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00:00:00: [B] Jeder weiß, wie es auch ist, wenn Gedanken mal ruhiger sind oder wenn der
00:00:00: Kommentator leiser ist und wird sich ja mehr dahin sehnen. Also ich auf alle Fälle, ich
00:00:00: merke ja den Unterschied und weiß, wie der Unterschied im Erleben ist. Was kann man
00:00:00: machen, dass das Denken sich wieder mehr in eine ruhigere und vor allem in eine mit
00:00:00: besserem Timing-Richtung bewegt? [D] Dazu ist es nötig, dass das Denken
00:00:00: Timing lernt. Und das kommt dadurch, dass es
00:00:00: eine Aufmerksamkeit dafür gibt: Wann tut das Denken uns gut, wann ist das sinnvoll und
00:00:00: wann nicht? Weil das Denken ja auch will, dass es uns gut geht. In diesen ganzen
00:00:00: Gedanken gibt es unsere Ziele und unsere Hoffnungen und was wir wollen, was passiert
00:00:00: und was wir auf keinen Fall wollen und wie wir das vermeiden können und so weiter.
00:00:00: Das heißt, da geht es darum: Die Gedanken wollen, dass es uns gut geht, und deswegen
00:00:00: ist es wesentlich darauf zu achten, wie sich das anfühlt, das Denken.
00:00:00: Du kennst auch diese Momente außerhalb vom Denken, also wo das Denken ruhig ist
00:00:00: und du bist einfach nur als Erleben da. Und du erlebst, wie viel freier und
00:00:00: klarer und lebendiger sich das anfühlt. Das heißt, du lernst, was sich gut anfühlt,
00:00:00: was sich stimmig anfühlt in dem Moment, und du machst die Erfahrung, dass es eben nicht ist:
00:00:00: Weil du jetzt keine Gedanken gehabt hast, hast du was Blödes gemacht oder so.
00:00:00: Sondern unsere Erfahrung ist eher: Wenn wir in Gedanken sind, machen wir blöde
00:00:00: Sachen. Also ich habe neulich einen Kaffee gemacht, ohne die Tasse drunter zu stellen,
00:00:00: weißt du. Und du kannst darauf wetten, dass ich in dem Moment in Gedanken gewesen
00:00:00: bin. Also, oder anders gesagt, dass Gedanken mich davon abgelenkt haben, was ich da
00:00:00: eigentlich mache. Und diese Erfahrung von: Wie fühlt sich das an,
00:00:00: wenn der Kopf voller Gedanken ist oder wenn die Situation voller Kommentare, Worte,
00:00:00: Worte, Worte ist? Und wie fühlt sich das an, wenn einfach diese friedliche Offenheit
00:00:00: da ist, die in Gedanken so oft übersehen wird oder um die es dann einfach nicht geht.
00:00:00: Also das Denken macht tendenziell alles andere zum Hintergrund. Und zu erleben, wie
00:00:00: ist das, wie fühlt sich das an, wenn alles andere Hintergrund ist, bringt schon mal das
00:00:00: Fühlen wieder in den Vordergrund. Und kann das Fühlen abkoppeln von dem
00:00:00: Denken. Das ist ja einfach, Fühlen ist so die Energie, die das Denken am Laufen hält mit seinen
00:00:00: Hoffnungen und Befürchtungen. Das Denken sagt: "Das wird ein böses Ende
00:00:00: nehmen." Und das Gefühl so: Huch! So, und das ist für das Denken der Anlass: "Oh, da müssen wir
00:00:00: jetzt aber was unternehmen, weil ich fühle es ja!" - Ja,
00:00:00: weil ich es gerade gedacht habe.
00:00:00: hat das eine Chance, sich wieder abzukoppeln vom Denken und wieder da zu sein für die sinnliche
00:00:00: Weite vom Erleben. Weißt du, für dieses Gefühl von Lebendigkeit hier.
00:00:00: Das bringt raus aus dieser Isolation der Aufmerksamkeit aufs Denken.
00:00:00: Ja, es ist eine Gewohnheit, dass die Aufmerksamkeit
00:00:00: sich so verengt hat, seit wir Worte gelernt haben. Und dahin zurückzukehren
00:00:00: zu dieser ursprünglichen Art der Aufmerksamkeit, die keine Worte braucht,
00:00:00: um sich in der Situation zu orientieren, ist eine Gewohnheit ablegen.
00:00:00: Und wie legt man Gewohnheiten ab? Durch Aufmerksamkeit, durch eine Klarheit
00:00:00: darüber, dass ich das wirklich will, ja, dass das wirklich schöner ist, dass ich mir einen
00:00:00: Gefallen damit tue, wenn ich diese Gewohnheit ablege.
00:00:00: Dadurch, dass ich dem auch Zeit gebe und es mir wichtig genug ist, dabei zu bleiben,
00:00:00: statt: "Okay, jetzt habe ich versucht, das Denken abzustellen, hat nicht funktioniert.
00:00:00: Ach, jetzt egal!" Sondern sich das erlauben, dass die
00:00:00: Aufmerksamkeit sich in diesen Moment rein öffnen kann, weiten kann, aus dem Denken raus ins
00:00:00: Erleben, in das: Was sehe ich denn gerade wirklich? Was höre ich denn? Wie fühlt sich das
00:00:00: an? Wie ist das Körpergefühl? Wie ist das Gefühl, in diesem Raum zu sein?
00:00:00: Was rieche ich? Was schmecke ich? [B] Ja, und das auch gar nicht jetzt benennen
00:00:00: zu müssen, oder auch, weil das kommt automatisch, aber das nicht, weil,
00:00:00: wenn man Gefühle, wenn ich Gefühle mal ein bissl beobachte oder anschaue, dann tue ich mir auch
00:00:00: schwer, das zu unterscheiden, ob das jetzt Nervosität oder eine
00:00:00: positive Anspannung ist. Allein diese Benennung, diese Einteilung
00:00:00: ist ja dann schon so eine Schublade oder ein Label oder eine Benennung, ein Gedanke.
00:00:00: Natürlich kommt der automatisch oder kann kommen, vor allem, wenn das halt noch
00:00:00: sehr gewohnt ist, aber es jetzt nicht notwendig. [D] Ja, genau. So wie wenn du Musik hören würdest
00:00:00: und dann hörst du, dass die Gitarre einsetzt, und dann sagt das Denken: "Ah,
00:00:00: Gitarre!" - Aber du hast es vorher schon gehört, das braucht es einfach nicht.
00:00:00: Dieses Vertrauen ins sinnliche Erleben zurückzuholen, statt auf den Kommentar zu
00:00:00: setzen; zu erleben, wie viel reicher die sinnliche Wirklichkeit ist, als diese
00:00:00: Zusammenfassung im Denken ... Wenn du Birnensaft trinkst, du kannst
00:00:00: es sofort unterscheiden von: wie schmeckt Apfelsaft. - Aber das ist die Zunge, die das
00:00:00: unterscheidet. Und in Worten hast du keine Kategorien, die das unterscheiden würden, ja.
00:00:00: Du kannst sagen, es schmeckt "birniger" oder was weiß ich was, ja, aber was das heißt?
00:00:00: Es ist nicht irgendwie, dass jeder Birnensaft saurer oder süßer ist als Apfelsaft. Das ist
00:00:00: nicht der Unterschied - und trotzdem ist es super klar.
00:00:00: Und das ist ein Beispiel, was zeigt, wie oft uns Worte fehlen für ein super reiches,
00:00:00: sinnliches Erleben. Nichts davon, egal wie gut die Beschreibung ist,
00:00:00: ersetzt den wirklichen Geschmack oder den wirklichen Kuss.
00:00:00: Und sich das nicht entgehen zu lassen, braucht nicht besonders viel Disziplin, sondern
00:00:00: die Erkenntnis, die gelebte Erfahrung von: Wie ist es, wenn der Kopf echt mal still ist und
00:00:00: die Aufmerksamkeit weit ist? Tanzen kann so sein. Einfach pure
00:00:00: Bewegung, ohne dass wir irgendwie über was nachdenken. Weder über "sieht das jetzt cool
00:00:00: aus?" noch Tanzschritte, - sondern einfach pure Lebendigkeit.
00:00:00: Und diese Momente von purer Lebendigkeit haben extrem wenig mit Denken zu tun.
00:00:00: Das heißt nicht, dass das Denken nicht sowas sagen kann wie "Oh wow!" oder "Ist das
00:00:00: schön!" Aber die Situation wäre genauso schön ohne den Kommentar.
00:00:00: Das ist nicht, wo die Schönheit herkommt. [B] Aber es darf auch da sein,
00:00:00: das Denken. Das ist, glaub' ich, auch eine wichtige Sache.
00:00:00: Weil sonst teilt man wieder so ein, es gibt nur das und es gibt nur das, ist ja Entweder-
00:00:00: oder. Nein, es kann schon auch ein Teil von meinem Leben sein und einfach da sein,
00:00:00: aber nicht so zehren, nicht so einnehmend. [D] Absolut, weißt du, so, dass wir jetzt
00:00:00: miteinander reden, für mich fühlt sich das nicht wirklich wie Denken an, weil einfach die Worte
00:00:00: halt so dahinfließen, ohne dass die vorher gedacht werden, ja? Und trotzdem
00:00:00: kann man es natürlich als lautes Denken beschreiben. Unser Gespräch wäre echt anders,
00:00:00: wenn wir keine Worte benutzen würden.
00:00:00: Zum Beispiel, dass wir jetzt so miteinander kommunizieren können - was für eine
00:00:00: Denkleistung von Erfindern, Ingenieuren, was auch immer, was für ein ultravernetztes
00:00:00: System das hier entwickelt hat! Elektrizität nutzen und so,
00:00:00: ja, das ist einfach der Wahnsinn. Und trotzdem scheint es mir, dass es jetzt
00:00:00: die nächste Phase wichtig ist einfach, dass das Denken seine Funktion behält, aber dass die
00:00:00: nicht alles ist, nicht alles vom Denken bestimmt ist.
00:00:00: Sondern dass das Gefühl für Lebendigkeit und für körperlich Da-Sein und
00:00:00: Verbundenheit, dass das mehr in den Vordergrund kommt.
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