Denken erleben
Shownotes
Wer spricht in unserem Kopf?
Gedanken erscheinen – als Stimmen, Bilder, Erinnerungen. Manchmal widersprüchlich, manchmal klar.
Doch wer spricht da eigentlich?
Ist es eine Stimme? Sind es mehrere? Und geschieht Denken einfach?
Im Gespräch zeigt sich: Denken ist kein klar abgegrenzter „Akteur“.
Es ist ein Zusammenspiel aus Erfahrungen, gelernten Worten, kulturellen Prägungen – und dem, was im Moment entsteht.
Manches wirkt vertraut: Stimmen von früher, innere Kommentare, Bewertungen.
Gedanken tauchen auf – ähnlich wie Atem oder Geräusche.
Nicht vollständig steuerbar, aber auch nicht völlig getrennt von uns.
Eine andere Perspektive wird erfahrbar:
Denken ist nur eine Schicht im Erleben.
Darunter – oder darüber – zeigt sich eine Weite, ein unmittelbares Wahrnehmen, das keinen Kommentar braucht.
Was passiert, wenn du Gedanken nicht sofort folgst?
Re-Source – Leben als Spielraum Gespräch 12
Mehr Informationen: https://dittmar-kruse.com/re-source
Transkript anzeigen
00:00:00: [B] Wer redet mit wem, wenn ich mit meinem Denken in einen Dialog gehe?
00:00:05: Sind das mehrere Stimmen, ist das eine Stimme?
00:00:08: [D] Interessant ist festzustellen, dass es mehrere Meinungen gibt, die sich im Denken abbilden.
00:00:15: Dass wir Angst vor was haben können und sagen: „Oh Gott, hoffentlich passiert das nicht!“ – und
00:00:19: dann eine andere Stimme sich meldet, die sagt: „Stell dich nicht so an!“ oder was auch immer.
00:00:24: Also spielt, du könntest sagen, verschiedene Gesichtspunkte durch, vertritt verschiedene
00:00:30: Interessen. Also zum Beispiel: „Ich sollte jetzt echt ins Bett gehen.“ „Okay, noch fünf Minuten.“
00:00:36: Also einfach bilden sich da verschiedene Interessen ab.
00:00:39: Und das Denken hat diese Selbstläufer-Tendenz,
00:00:43: dass wir nicht sagen: „Okay, jetzt denke ich mal ‚noch fünf Minuten‘“
00:00:47: und dann denken wir „noch fünf Minuten“. Da gibt es keinen Einsatzleiter dafür.
00:00:53: Und andererseits ist es auch nicht so, dass es völlig getrennt wäre von uns.
00:00:59: So wie der Atem nicht völlig getrennt ist von uns.
00:01:02: Wir können jederzeit für ein paar Sekunden die Luft anhalten.
00:01:09: Und im Denken erscheint es wie ein Entweder-oder.
00:01:13: Bin ich das, der denkt oder geschieht es von selbst?
00:01:17: Ja, beides.
00:01:19: Da sind Gedanken in diesem Organismus. Ja, und so der einfachste Gedanke,
00:01:24: zum Beispiel, wenn wir irgendwo gegenrennen, ist „Aua!“
00:01:29: Und wenn wir in einem anderen Land aufgewachsen wären,
00:01:32: dann hätten wir nicht Aua denken oder nicht Aua sagen, sondern „Ai!“ zum Beispiel.
00:01:36: Natürlich spricht da unsere Kultur,
00:01:39: in der wir aufgewachsen sind und in der wir leben, spricht durch uns.
00:01:44: Trotzdem ist es auch eine Zusammenfassung von unseren eigenen Erfahrungen und von
00:01:50: unseren Hoffnungen, Befürchtungen, Träumen, Wünschen, was auch immer.
00:01:56: Und diese Frage, wie viele Stimmen sind das,
00:01:59: ist das eine Stimme oder sind das mehrere Stimmen, kann, glaube ich,
00:02:04: nur jeder Mensch für sich selber beantworten, indem wir halt hören, wer spricht denn da?
00:02:11: Gibt es da Ähnlichkeiten mit Eltern zum Beispiel oder ist das unsere eigene Stimme,
00:02:17: die da spricht? Wo spricht die denn eigentlich? In welchem Tonfall? In welcher Lautstärke und so?
00:02:25: Und eben, wie du sagst, ist das eine Stimme oder sind das mehrere Stimmen?
00:02:29: Gibt es da einen Dialog, so wie Engelchen und Teufelchen?
00:02:32: Das ist einfach interessant. Das ist einfach, das Denken zu erforschen,
00:02:38: Denken kennenzulernen, das ist einfach Teil vom Menschsein.
00:02:41: [B] Das heißt, das Denken funktioniert bei jedem Menschen auch ein bisschen anders?
00:02:47: Das ist die erste Frage. Und die zweite Frage, wie ist es bei dir?
00:02:50: [D] Bei mir ist es gut, bei anderen Leuten funktioniert es anders.
00:03:00: [B] Nein, weil du gesagt hast, auch das eigene Denken zu erforschen und da zu schauen,
00:03:04: wie viele Stimmen sind da, wie viele Stimmen sind es bei dir?
00:03:08: [D] Ich habe nicht gezählt, aber es ist nicht immer dieselbe Stimme.
00:03:13: Eine Erfahrung von dieser inneren Stimme ist, wenn wir was lesen,
00:03:18: die meisten Leute hören eine Stimme, die ihnen das vorliest, was die Augen gerade sehen.
00:03:25: Ja, so diese Vorlesestimme. Sagen wir, es ist dieselbe Stimme,
00:03:30: dann improvisiert die halt manchmal und gibt Meinungen von sich, die nicht abgelesen sind.
00:03:35: Oder meinetwegen auch Texte, die auswendig gelernt sind.
00:03:38: Sprüche von anderen Leuten, Sprüche von unseren Eltern oder so.
00:03:42: Ist das dieselbe Stimme in verschiedenen Stimmungen
00:03:48: oder gibt es auch verschiedene Stimmlagen und verschiedene Leute, die da sprechen?
00:03:53: Ja, also wenn du zum Beispiel daran denkst, was ein Freund von dir zum Beispiel gesagt hat,
00:03:58: dann kannst du das in seiner Stimme hören.
00:04:04: Ist das jetzt seine Stimme oder deine Stimme, wenn du sie in deinem Kopf hörst?
00:04:11: Wenn ich mich daran erinnere, was jemand zu mir gesagt hat,
00:04:14: dann höre ich das oft in dessen Stimme.
00:04:21: Und auch meine Stimme klingt in meinem Kopf natürlich anders als da draußen.
00:04:28: Ich habe eine innere Stimme, die oft was singt. Die singt eindeutig besser,
00:04:32: als wenn ich wirklich nach außen singe.
00:04:36: [B] Das heißt eigentlich irgendwie, es ist gar nicht so wichtig, zu wissen,
00:04:43: wer genau da spricht oder wo die Stimme herkommt.
00:04:46: Aber die Stimme zu hören und das einfach mal zu erkennen, was da überhaupt gesprochen wird.
00:04:54: Und dann vielleicht zu fragen, wie kommt die Stimme da drauf oder woher kommt das?
00:05:00: Oder vielleicht noch interessanter: Ist das etwas, was ich brauche, was mir gut tut?
00:05:04: Oder ist das etwas, was ich eigentlich jetzt nicht unbedingt hören brauche?
00:05:07: Weil wenn wir ja alles hören würden, was jeder Mensch sagt, theoretisch, wäre das ja
00:05:12: nicht unbedingt erleichternd, sondern teilweise echt erschwerend und anstrengend vermutlich.
00:05:19: [D] Ja, das wäre ziemlich anstrengend. Und noch dazu, wenn wir dazunehmen,
00:05:24: dass ja nicht alles Denken in Worten ist, sondern dass wir ja auch Bilder haben, Vorstellungen.
00:05:32: Wenn wir an Urlaub denken, dann haben wir das vielleicht auch in Worten,
00:05:36: aber wir haben es vor allem vor Augen.
00:05:41: Oder wenn wir an unsere Kindheit denken, Erinnerungen, und das ist sehr oft einfach die
00:05:47: Bilder, Gerüche, Gefühle, die dadurch entstehen. Also Denken ist ja auch Multimedia,
00:05:57: nicht nur Worte. Und es ist mega interessant, wo kommt das her?
00:06:05: Ist das was, was wir machen? Ist das was, was der Organismus produziert?
00:06:14: Offensichtlich hat es mit dem Organismus zu tun, weil, wie du sagst:
00:06:19: Wir können was denken, was andere Leute nicht denken.
00:06:24: Oder wir wissen nicht, was die denken, aber wir wissen, was wir denken.
00:06:29: Also ich kann jetzt an eine Zahl denken und du kannst versuchen,
00:06:34: sie zu erraten. Das ist einfach nur so ein Beispiel.
00:06:36: [B] 17.
00:06:37: [D] Wahnsinn, wie hast du das gemacht?
00:06:44: Und so ist es halt einfach, das Denken hat was Individuelles und gleichzeitig ist es in Worten,
00:06:53: die wir von anderen Leuten gelernt haben, die die von anderen Leuten gelernt haben und so.
00:06:57: Also es ist einfach diese Mischung von kulturell und eigenem Erleben, interessant!
00:07:04: Und wir finden keine Instanz in dem Sinne, wir finden nicht den Denker,
00:07:10: sondern wir finden eine Wachheit für diesen Moment, die diese Gedanken wahrnimmt, hört,
00:07:19: so wie sie auch diesen Raum oder die Gegenstände in diesem Raum wahrnimmt.
00:07:25: Und genauso wie wir auf die Gegenstände einwirken können,
00:07:31: wie wir was umstellen können, genauso gibt es auch einen Einfluss aufs Denken.
00:07:40: Also zum Beispiel, wir können unsere Aufmerksamkeit auf was
00:07:45: ausrichten. Das gehört zu unserer Freiheit.
00:07:50: Oder ich kann eine Rechenaufgabe stellen, wie zum Beispiel, wie viel ist 17 mal 17?
00:07:56: Und dann kannst du für einen Moment überlegen, ob du das schnell mal
00:08:00: rausschütteln kannst oder ob du sagst, ach, das interessiert mich auch nicht.
00:08:07: Also es ist nicht so, dass das Denken völlig abgekoppelt wäre von uns.
00:08:11: Und es ist auch nicht so, wir sind diese Instanz,
00:08:15: die denkt. Genauso wenig wie wir unseren Sinnen passiv ausgeliefert sind,
00:08:25: sondern wir können merken, da will eine Mücke landen und wir scheuchen die weg.
00:08:35: [B] Wenn man das Bild jetzt vielleicht auf Gedanken überträgt, da kommen Gedanken.
00:08:40: Und manchmal kann das schon funktionieren auch, dass man die Gedanken wegschiebt,
00:08:46: in dem Sinne wie eine Mücke. Oder sagt, so brauche ich nicht.
00:08:49: Aber es kann sein, dass die Mücke wieder herfliegt und dass man sie noch einmal wegscheucht.
00:08:52: Und je mehr man sie wegscheucht, desto mehr kommen die Gedanken.
00:08:55: Und gleichzeitig kann es sein, dass wenn man die Mücke sitzen lässt oder Gedanken
00:08:58: da lässt und einmal sein lässt, dass der auch von selber wieder wegfliegt.
00:09:01: Das heißt, auch da ist es so, mal so, mal so, oder?
00:09:06: [D] Sicher, es gibt keine Empfehlung in dem Sinne von,
00:09:11: lass die Mücke da sitzen und Blut saugen oder was, ja, oder verjag sie auf alle Fälle.
00:09:20: Weil einfach, wenn ein Gedanke immer wiederkehrt,
00:09:23: kann es sein, einfach, ja, der ist halt einfach eine Bitte um Aufmerksamkeit.
00:09:27: Da ist ein Anliegen dahinter, um es mal so zu sagen.
00:09:30: Und dann ist es vielleicht immer noch nicht das sinnvolle Timing, sich in dem Moment zu melden.
00:09:34: Aber dann brauchst du halt einfach einen Zeitpunkt, wo es sinnvoll ist.
00:09:40: Nicht alle Gedanken sind sinnvoll und vor allem nicht vom Timing her.
00:09:46: Und es gibt Gewohnheiten: Gewohnheitsmäßig gehen die Gedanken irgendwo hin.
00:09:50: Und für viele Leute ist es, dass sie halt gewohnheitsmäßig denken, egal,
00:09:55: ob es jetzt irgendwie einen Anlass oder einen bestimmten Inhalt gibt.
00:09:58: Hauptsache, das Denken läuft, weil es so ein Gefühl von Orientierung gibt.
00:10:04: Und es kann sein, es gibt nicht wirklich eine klare Orientierung im Moment,
00:10:08: sondern es gibt einfach nur so eine Verortung in meiner Geschichte.
00:10:11: Wer ich bin und worum es geht und so weiter.
00:10:14: Einfach nur eine Verortung in der Geschichte statt
00:10:17: präsent im Moment, was einfach extrem wenig Kommentar braucht.
00:10:23: Was einfach auch so ein Aspekt ist vom Denken ist:
00:10:26: Es ist so ein kleiner Teil von unserem Erleben eigentlich.
00:10:29: Da ist so eine Denkschicht, um es mal so zu sagen.
00:10:32: Und außerhalb von dieser Denkschicht, vor der,
00:10:35: nach der Denkschicht, ist einfach diese pure Lebendigkeit, die aus
00:10:41: Sicht vom Denken nur den Hintergrund bildet für „das Wesentliche“, nämlich die Gedanken.
00:10:45: Was kommentiert, was wir gerade fühlen und wo wir hinwollen und wo wir herkommen und so weiter.
00:10:52: Und ohne das zeigt sich erst dieser sinnliche Reichtum von diesem Moment,
00:10:59: der einfach so viel weiter ist, als nur diese Zusammenfassung im Denken.
00:11:07: So wie Musik hören und ein Kommentar zur Musik. „So, jetzt setzt das Schlagzeug wieder ein.“
00:11:15: Einfach: Das ist etwas anderes, als das wirklich zu hören.
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