Gedankenkarussell und sinnliche Intelligenz

Shownotes

In dieser Folge sprechen Dittmar Kruse und Bernd Stadlober über das Phänomen des Gedankenkarussells – jenes Kreisen des Denkens, das besonders dann auftaucht, wenn Ruhe entstehen soll, etwa beim Einschlafen.

Ausgehend vom alltäglichen Grübeln wird sichtbar, was sich verändert, wenn Gedanken nicht mehr als Inhalt verfolgt werden, sondern als Filter des Erlebens erkannt werden. Nicht im Sinne eines perfekten Umschaltens, sondern als ein wachsendes Verstehen: Denken versucht zu lösen – und wenn es keine Lösung findet, erzeugt die Suche nach dem „richtigen Gedanken“ oft zusätzliche Anspannung.

Das Gespräch führt weiter zur sinnlichen Intelligenz – einer feinen, wachen Körper-Intelligenz, die zugänglich wird, wenn Aufmerksamkeit nicht im Denken festhängt, sondern beim Organismus ankommt. An Beispielen wie Haltung, Bewegung und alltäglicher Spannung zeigt sich, wie Regulation häufig von selbst geschieht, sobald der Körper nicht mehr „ferngesteuert“ werden muss.

Dabei wird auch deutlich: Wissen, Hinweise und Übungen können Spielraum erweitern – nicht als starre Regeln, sondern als Angebote, die der Körper kreativ aufgreift. Als Gegenpol zur Tendenz des Denkens, alles für bekannt zu halten, öffnet sich eine Haltung von sinnvoller Neugier: still, aufmerksam, lebensfreundlich.

Diese Folge ist eine Erkundung dessen, wie sich Spielraum zeigt, wenn Denken nicht bekämpft wird, sondern seinen Platz bekommt – und Aufmerksamkeit als lebendiger Kontakt mit dem Jetzt wieder spürbar wird.

🔹 Gespräch: Gespräch 1
🔹 Reihe: Re-Source: Leben als Spielraum

Grundlage der Reihe: Dittmar Kruse – Re-Source: Metaphern für Lebendigkeit

**Weitere Informationen: ** https://dittmar-kruse.com/re-source

Transkript anzeigen

00:00:00: Bernd: Wenn ich mich jetzt in die Lage versetze,

00:00:03: ich lieg im Bett und Gedanken kreisen, dann sag ich mir auch oft:

00:00:09: Ich weiß, es bringt jetzt nichts, das zu denken, aber es geht halt gerade nicht anders.

00:00:14: Und das geht ja nicht gleich, dass das auch aufhört,

00:00:17: sondern das ist schon so bissl ja eingefahren stur kann man fast sagen.

00:00:22: Dittmar: Ja.

00:00:24: Gedanken kreisen. Nehmen wir das wie so ein Gedankenkarussell,

00:00:28: wie es ja auch oft genannt wird.

00:00:30: Und da macht es einen Unterschied, ob du mit diesem Karussell mitfährst

00:00:37: oder ob du das Karussell von außen siehst

00:00:40: und sagst: Okay, da kommt wieder das Feuerwehrauto

00:00:43: und jetzt kommt das Motorrad und jetzt kommt das Pferd ...

00:00:48: Und wenn du das von außen siehst, dann erwartest du nicht,

00:00:52: dass jetzt was anderes kommt als das Motorrad wieder,

00:00:55: und dann weißt du, ja, und jetzt kommt gleich wieder das Pferd.

00:00:59: Ohne dass du dich mitdrehst.

00:01:03: Du kannst diesen Mechanismus dann als Ganzes sehen.

00:01:06: Du kannst die Gedanken sehen, statt die Situation durch die Gedanken zu erleben

00:01:11: ohne diesen Filter, sondern du siehst den Filter, weißt du,

00:01:15: und das macht einfach einen Unterschied. Und das ist nicht: Hah, das ist ... von einer

00:01:18: Sekunde auf die andere ist es jetzt perfekt, aber es ist einfach Verständnis für den Körper,

00:01:27: dass wenn die Aufmerksamkeit auf dem Denken ist und sich hofft, dass jetzt ein anderes Pferd kommt

00:01:34: oder statt dem Pferd ein Löwe kommt oder was auch immer:

00:01:38: Jetzt kommt das Motorrad zum 28. Mal vorbei

00:01:42: und irgendwie gibt's immer noch die Hoffnung dabei,

00:01:44: dass beim 29. Mal das Motorrad die Lösung bringt.

00:01:50: Wenn das so gesehen wird, ist es irgendwie auch klar,

00:01:52: ja, okay, das Denken versucht zu lösen und hat halt keine Lösung.

00:01:57: Und was anderes zu erwarten erledigt sich halt dadurch,

00:02:00: wenn der Mechanismus verstanden wird: Ja, das Denken sucht

00:02:04: eine Lösung für was, wo es jetzt gerade keine Lösung gibt.

00:02:09: Und der Körper ist angespannt, weil jetzt irgendwas

00:02:15: aus dem Denken passieren muss, statt ja, da ist nicht nur das Denken,

00:02:20: da ist der Körper und z.B. zu fühlen,

00:02:24: dass das eine Anspannung im Körper macht.

00:02:26: Wenn das gefühlt wird, die Aufmerksamkeit da ist,

00:02:29: dann findet der Körper das, wie er sich wieder entspannen kann.

00:02:34: Es braucht halt die Aufmerksamkeit

00:02:35: für den Körper, nicht fürs Denken.

00:02:38: Also fürs Denken in dem Sinne von ja, das ist das Gedankenkarussell

00:02:44: und da passiert immer wieder dasselbe.

00:02:49: Aber nicht die einzelnen Inhalte

00:02:50: und von denen irgendwie ... Die Hoffnung,

00:02:53: dass jetzt in den Gedankeninhalten eine Lösung kommt,

00:02:58: lässt sich 27 mal aufrechterhalten und dann beim 28. mal vielleicht nicht mehr.

00:03:05: Und das ist du sagst Treue, Konsequenz, Geduld, diesen Mechanismus zu verstehen

00:03:12: und dann nicht zu sagen,

00:03:13: okay, dann achte ich mal auf den Körper und ist es jetzt super?

00:03:17: Nein, okay, dann okay, was probiere ich als nächstes?

00:03:19: Sondern zu wissen, das ist die Antwort auf Überdenken

00:03:24: ist körperlich Dasein, nicht weitere Gedanken.

00:03:32: Bernd: Man kann eigentlich sagen,

00:03:36: mit dem Versuch, Denken mit Denken zu lösen, denkt man noch mehr.

00:03:43: Oder wir haben es ja öfters schon beschrieben,

00:03:46: oder ich finde es auch eine super Beschreibung das mit Schraubenzieher:

00:03:49: das Denken ja wie ein Schraubenzieher gesehen werden kann,

00:03:52: der super Funktionen hat, wenn wir ihn gebrauchen,

00:03:55: wenn man eine Schraube ziehen müssen.

00:03:57: Aber wenn wir jetzt den Wasserhahn auf und abdrehen wollen oder so,

00:04:02: dann ist Schraubenzieher nicht unbedingt die beste Wahl.

00:04:05: Es ist halt glaube ich trotzdem auch so ungewohnt.

00:04:10: Wir verlernen das vermutlich, sicher verlernen wir es,

00:04:13: weil wir haben auch gerade vorher schon über die Kinder gesprochen,

00:04:15: wie die das klar erleben und dann wieder loslassen

00:04:20: oder einfach ja nicht dran hängen bleiben.

00:04:24: Es scheint so, als würden wir das,

00:04:27: oder besteht die Möglichkeit das zu verlernen.

00:04:32: Dittmar: Ja,

00:04:35: weißt du, das Denken ist immer sehr auf Entweder-oder aus:

00:04:40: „Entweder denke ich oder ich denke nicht“.

00:04:45: Weil z.B. das als Gedankenkarussell zu sehen, diese Metapher ist auch ein Gedanke.

00:04:54: Aber ein hilfreicher Gedanke, der klar macht,

00:04:58: ja, das dreht sich halt im Kreis.

00:05:01: Also muss ich da nichts weiter unternehmen, nichts weiter machen.

00:05:06: Dann muss das Karussell nicht stoppen.

00:05:08: Das kommt alles in diesem Bild, in dieser Metapher,

00:05:11: in diesem Gedanken von: Ja, es ist ein Gedankenkarussell

00:05:16: und ich bin nicht verpflichtet mitzufahren und das Karussell ist nicht verpflichtet

00:05:21: stehen zu bleiben.

00:05:24: Es ist nur ein Karussell.

00:05:29: Bernd: Also was du vorher angesprochen hast,

00:05:33: ist ja auch zu spüren, den Körper zu fühlen.

00:05:38: Das kann einerseits aber auch sehr ungewohnt sein, weil wir so gewohnt sind

00:05:42: in Gedanken die Lösung zu finden und dort irgendwie hängen zu bleiben.

00:05:46: Und gleichzeitig braucht es ja auch so ein Vertrauen,

00:05:49: ein Urvertrauen,

00:05:52: dass der Organismus weiß, was es jetzt braucht.

00:05:55: Ist das eine gute Beschreibung? dass man eben aufhört in Gedanken zu suchen

00:06:01: und dort eine Lösung zu finden, dass man das Vertrauen hat,

00:06:06: die "Lösung" unter Anführungsstrichen liegt woanders.

00:06:10: Ist verständlich, was ich meine? [D] Für mich: Ja,

00:06:20: Es ist einfach eine Intelligenz im Körper,

00:06:24: die sehr viel klarer und sehr viel wacher oder

00:06:34: kreativer wird, sehr viel feinfühliger,

00:06:36: wenn ihr die Aufmerksamkeit geschenkt wird.

00:06:40: Wenn wir z.B. durch die Gegend gehen und wir sind voll in Gedanken,

00:06:45: Aufmerksamkeit ist nicht beim Körper,

00:06:47: nicht bei der Umgebung, sondern beim Denken,

00:06:49: dann bewegt sich der Körper halt mechanisch.

00:06:51: Dann fällt er in seine Routinen und seine Automatismen zurück.

00:06:56: Dann sind die Bewegungsabläufe mechanisch und so wie wenn wir z.B. am Computer arbeiten

00:07:04: und die Aufmerksamkeit ist sehr bei dem, was sich da auf dem Monitor tut

00:07:08: und beim Denken, was wir jetzt schreiben oder so.

00:07:12: Der Körper ist im Hintergrund, dann kann das sein,

00:07:14: der ist in einer Haltung, nur wo ihm der Fuß einschläft

00:07:17: oder wo das schön langsam anfängt weh zu tun.

00:07:19: Und wenn die Aufmerksamkeit auf dem Körper geht, reguliert sich das von selbst.

00:07:25: Dann ändert sich die Haltung. Nicht dadurch, dass wir in die "korrekte" Haltung zurückkehren,

00:07:31: sondern dadurch, dass die körperliche Intelligenz übernimmt.

00:07:37: Und diese Erfahrung zu machen:

00:07:42: Wenn der Organismus die Aufmerksamkeit bekommt und nicht Regeln befolgen muss,

00:07:48: sondern das tut, was sich sinnvoll und schön anfühlt,

00:07:52: dass es sehr, sehr gesund ist. Sehr viel flexibler

00:07:56: und sehr viel responsiver als die Fernsteuerung durch korrekte Haltung

00:08:06: oder was auch immer, durch irgendwelche Maßnahmen.

00:08:12: Und diese Erfahrung setzt sich durch, dadurch wächst das Vertrauen

00:08:19: von: Der Körper findet das, was ihm gut tut.

00:08:24: Und auch das ist wieder nicht so irgendwie ja, dann brauchst du ja niemals eine Übung zu machen

00:08:30: oder so.

00:08:31: Doch, das auch da kommt ja wieder Wissen der Menschheit ins Spiel,

00:08:34: Wissen von Physios und Orthopäden

00:08:38: und Feldenkrais und sonstigen Bewegungs-Experten.

00:08:45: Es ist, dass unser Spektrum, unser Spielraum an Bewegungen

00:08:51: sich erweitern kann durch, dass andere Leute - Yogis – sagen,

00:08:57: probier mal das,

00:08:59: dass es den Körper auf neue Ideen bringt,

00:09:02: dass er also seinen Spielraum erweitert und dann immer mehr Möglichkeiten hat,

00:09:07: auf die er zurückgreifen kann, die ihm helfen.

00:09:10: Aber aus sich raus,

00:09:11: aus seiner eigenen Kreativität und Wachheit.

00:09:18: Bernd: Das

00:09:21: passt jetzt eigentlich sehr sehr gut, weil ich habe mir da aus deinem Buch

00:09:25: eine Stelle markiert, die ich mega schön find, und zwar geht's

00:09:30: da um sinnvolle Neugier, weil was so aufpoppt bei mir ist,

00:09:32: wenn du das also so beschreibst, ist Neugier, Neugierde

00:09:35: auf das was jetzt ist, auf Dasein, auf diesen Moment.

00:09:39: Das heißt jetzt was einfach das was ihr Leben gesamt angeht,

00:09:42: Gedanken, Gefühle, körperliche Empfindungen,

00:09:44: kann ja alles dabei sein, ist ja oft alles all inclusive,

00:09:48: und du schreibst: Sinnvolle Neugier ist

00:09:50: nicht beliebig und nicht trivial, dann tu ich weiter nach vorne:

00:09:55: Sie ist fokussiert in einem sinnvollen, lebensfreundlichen Feld.

00:09:59: Diese Neugier richtet sich auf das Jetzt-Erleben,

00:10:01: auf das Da-Sein in diesem Moment, in dieser Situation.

00:10:04: Sie interessiert sich für Klarheit. Deshalb ist sie still und aufmerksam

00:10:08: und schaut mit großen Augen, so wie du einen Menschen anschaust,

00:10:11: den du liebst.

00:10:12: Du willst alles aufnehmen.

00:10:18: Ich finde das eine sehr schöne Beschreibung

00:10:23: und vielleicht auch Einladung,

00:10:25: sich selbst und dem Moment neugierig zu begegnen.

00:10:31: Weil im Endeffekt glaube ich fühlt es,

00:10:34: weiß hoffentlich jeder, wie sich es anfühlt,

00:10:36: einen Menschen anzuschauen, den man liebt oder verliebt ist.

00:10:38: Das ist was sehr sehr Schönes, und es braucht nicht einen anderen Menschen,

00:10:43: um diese liebevolle Aufmerksamkeit, diese Neugier zu haben,

00:10:46: die Neugier auszuleben oder mit diesem

00:10:49: neugierigen Blick zu schauen, zu forschen, zu entdecken.

00:10:53: Dittmar: Mhm.

00:10:55: Und es ist bissl gegen die Tendenz vom Denken alles für bekannt zu halten.

00:11:02: Das ist, was beim Kennenlernen von neuen Menschen ja auch passieren kann,

00:11:08: ist das: Da ist diese Phase des Verliebtseins und dann ist es: Ja

00:11:14: hat er oder sie schon mal erzählt, kenne ich schon.

00:11:16: Ach, jetzt kommt diese Gewohnheit.

00:11:20: Alles, was neu und wundervoll und zum Staunen war, ist:

00:11:26: Ja, schön langsam nutzt es sich ab.

00:11:29: Und das zu verstehen,

00:11:31: da gibt's diesen Mechanismus und auch der hat ja seine Funktion,

00:11:34: dass wir durch unsere Wohnung oder durch unsere Stadt gehen können

00:11:43: und nicht jedes Mal völlig fasziniert sind, was es hier alles zu sehen gibt,

00:11:48: sondern dass wir einfach schnell mal

00:11:50: einkaufen gehen können kurz vor Ladenschluss.

00:11:53: Einfach ToDo Modus hat seinen Wert.

00:11:58: Gibt's was zu erledigen? Das mache ich jetzt.

00:12:01: dass wir unsere Steuererklärung machen und vielleicht nicht total fasziniert sind davon,

00:12:05: wie sich die Tastatur gerade anfühlt.

00:12:09: Sondern das ist einfach nein,

00:12:10: jetzt geht's um Zahlen und sonst nichts,

00:12:15: Aber dass das eben für Tod-Do Momente so ist,

00:12:20: wo es gerade was zu erledigen gibt, kurz vor Ladenschluss,

00:12:24: dass wir nicht vor dem Baum, vor dem Supermarkt stehen bleiben

00:12:27: und total fasziniert sind, wie hübsch die Blätter gerade ausschauen,

00:12:33: Aber dass der Modus, in dem sich das Leben

00:12:37: wirklich schön anfühlt, ein anderer ist

00:12:41: und dass diese natürliche Neugier, dieses Kennenlernenwollen in einer Beziehung

00:12:49: nicht aufhören muss.

00:12:52: Ja, die Geschichte hat sie schon mal erzählt. Ihre Stimme klingt echt so hübsch.

00:12:59: Dass das immer eine Frische und eine Neuheit dieser Moment hat,

00:13:08: wenn das Denken die nicht wegerklärt, wenn das Denken nicht sagt,

00:13:11: ja, die Geschichte kenne ich aber schon.

00:13:14: Und dasselbe für uns: Wenn wir auf unser

00:13:18: körperliches Erleben achten, dann kann das Denken sagen,

00:13:21: ja, da sind die Hände, die Füße, kenne ich alles.

00:13:26: Natürlich kennen wir das seit paar Jahrzehnten. Und trotzdem ist in diesem Jetzt-Erleben,

00:13:36: in diesem Moment eine Frische und

00:13:38: eine Einmaligkeit und ein Zauber drin.

00:13:45: Zauber des Lebendigseins.

00:13:48: So fühlt sich lebendig sein an in diesem Moment.

00:13:52: Nicht wiederholbar,

00:13:53: einmalig, voll das Wunder.

00:13:58: Und fürs Denken ist das: Wo soll denn da ein Wunder sein?

00:14:00: Hände, Füße, wie immer.

00:14:03: Und wenn wir hinfühlen und es nicht irgendwelchen

00:14:06: Kategorien entsprechen muss, dann zeigt sich was,

00:14:12: was ich jetzt auch nicht in Worte fassen kann.

00:14:16: Aber das Gefühl fühlen wir alle. In dem Moment,

00:14:23: wo das Denken uns nicht erklärt, was wir erleben,

00:14:27: ist es ein lebendiger, magischer Moment,

00:14:33: ohne dass die Magie ist: Wow, der Grand Canyon oder so,

00:14:37: sondern einfach wow, mein Wohnzimmer!

00:14:43: Wow. der Supermarkt

00:14:44: und ich habe richtig Zeit.

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