Geschieht das Leben – oder wirkst du mit?

Shownotes

Viele halten sich für Entscheider ihres Lebens. Und gleichzeitig zeigt sich im Alltag: Vieles geschieht einfach.

In diesem Gespräch wird dieses Spannungsfeld ausgehend von konkreten Situationen erkundet. Ein Reifenschaden, alltägliche Handlungen oder wiederkehrende Muster in Beziehungen machen sichtbar, dass Handeln nicht isoliert entsteht, sondern im Zusammenspiel von Organismus, Aufmerksamkeit und Gewohnheit.

Dabei rückt eine vertraute Vorstellung in den Blick: das „Ich“ als Entscheider. Im Gespräch zeigt sich, dass dieses „Ich“ eher ein gedanklicher Bezugspunkt sein kann – hilfreich zur Orientierung, aber nicht identisch mit dem, was im Erleben tatsächlich geschieht.

So verschiebt sich die Frage: weg von der Suche nach Kontrolle oder Erklärung – hin zu einer unmittelbaren Orientierung im Moment.

Im direkten Erleben zeigt sich ein Spielraum: für Wahrnehmung, für neue Möglichkeiten und für ein lebensfreundliches Zusammenspiel mit dem, was ist.

Themen:

· Entscheider oder Geschehen – ein scheinbarer Gegensatz · Handeln als Ausdruck des Organismus · Aufmerksamkeit, Gewohnheiten und Muster · das „Ich“ als gedanklicher Bezugspunkt · Wiederholungen in Beziehungen · Selbstwirksamkeit und ihre Grenzen · Orientierung im gegenwärtigen Erleben · Spielraum und lebensfreundliches Handeln

Mehr Informationen: https://dittmar-kruse.com/re-source

Transkript anzeigen

0: B] Lieber Dittmar, die heutige Frage ist mir  gekommen, weil mir mein Auto kaputt worden ist.

0: Also ich habe einen Reifenschaden  gehabt und habe dann ja kurz bevor

0: alles schließt noch eine Werk statt finden müssen.

0: Und danach ist mir so gekommen, das Leben läuft  ja irgendwie so, es wird etwas kaputt, es passiert

0: einfach, die Bäume wachsen von selber, die  Verdauung funktioniert von selber, man lernt Leute

0: kennen, man geht Beziehungen ein, Beziehungen  werden wieder aufgelöst, man wechselt Berufe …

0: Es ist alles so irgendwie im Fluss und es  scheint irgendwie so zu sein, als würde da

0: vieles ohne unser wirkliches Zutun passieren.  Und gleichzeitig ist das so ein Gefühl von:

0: ich bin der Macher, ich bin der Tuer, ich  bin der Gestalter, der Creator von meinem

0: Leben und gleichzeitig läuft alles so dahin.  Was sind wir nun? Sind wir Passagiere vom

0: Leben oder sind wir die Macher, Tuer und die  Gestalter, die so viel unter Kontrolle haben?

0: D] Oder ändert sich das mit der Beschreibung  und gibt es vielleicht gar kein Entweder-oder?

0: Also wie du bei deinem Autobeispiel gesehen  hast, das ist nichts, was du erschaffen hast,

0: in dem Sinne von: So jetzt, wie hole  ich mir jetzt einen Reifenschaden?

0: Und das heißt, das passiert von  selbst und dann ist es auch klar,

0: dass es das Interesse gibt,  dass das Auto wieder fährt.

0: Von daher ist es, würde ich sagen,  Spektrum zwischen – sagen wir mal,

0: wir können die Luft anhalten für eine Minute.

0: Dann wird das Denken, was das beschlossen hat  oder wird dieser Entschluss überstimmt vom Körper.

0: Der sagt: Nix, atmen, jetzt.

0: Und ein bisschen weiter auf dem Spektrum wäre:

0: Jja natürlich könntest du dein Auto da liegen  lassen oder stehen lassen und sagen so,

0: ab jetzt geht es zu Fuß weiter. Aber  es wäre halt extrem unpraktisch.

0: Also natürlich gibt es einen Instinkt dafür, was  sinnvoll ist oder was passend ist, was schön ist.

0: Es ist schöner, dein Auto mitzunehmen,  als zu Fuß, um die Welt zu gehen.

0: Der andere Teil von dem Spektrum wäre, als wären  wir nur so … Marionetten ist eine Darstellung,

0: die manchmal verwendet wird: "Das ist  rein ein Spiel von Impulsen“ und so.

0: Ja, und so kann man das beschreiben, aber  es ist einfach nicht die einzig richtige

0: Beschreibung. Und es ist nicht wirklich unser  Erleben, dass alles von selbst geschieht.

0: Also zum Beispiel, das Auto repariert  sich nicht von selbst. Und zum Beispiel,

0: wenn du mal in einer WG gewohnt hast, dann  ist es zum Beispiel, ja, irgendwie geschieht

0: Abspülen von selbst oder nicht. Und dann sind  es halt aber andere Leute, die das machen.

0: Sagen wir mal, das eine Extrem wäre, ich bin  voll identifiziert mit: „Alles, was geschieht,

0: ist meine Entscheidung. Ich habe mich jetzt  dafür entschieden, dass der Reifen platzt.“

0: Ja, entspricht einfach nicht  wirklich unserer Erfahrung.

0: Und das andere Extrem wäre, ich habe  überhaupt keinen Einfluss auf gar nichts.

0: Und auch das ist nicht so unser Erleben.

0: „Oh, der Wasserhahn ist noch offen.  Tja, kann man nichts machen“.

0: Sondern einfach, natürlich machen wir  ihn zu. Und dann kann man sagen, ja,

0: aber du machst ihn nur zu, weil dieser Impuls  gekommen ist und das sinnvoll erschienen ist,

0: den Wasserhahn zuzumachen. Oder  natürlich oder selbstverständlich.

0: Und dann kann man sich davon distanzieren  oder dissoziieren und sagen: „Ja,

0: das hatte aber nichts mit mir zu  tun. Ja, das geschieht einfach.“

0: Ja, und dann, wenn man das so beschreiben möchte,

0: kann man das so beschreiben. Trotzdem ist es halt  dieser Organismus, der den Wasserhahn zudreht.

0: Ob man sich von dem distanziert oder nicht,  ist einfach nochmal eine andere Frage.

0: Das ist einfach eine Frage der Beschreibung. Und das Wesentliche ist, ja, keine von

0: diesen Beschreibungen ist die richtige. Die beleuchten alle einen Aspekt davon.

0: Der eine ist dieser Aspekt, den  Kinder zum Beispiel lieben in

0: einem gewissen Alter, diese Selbstwirksamkeit. Kleine Kinder, die ganz oft sagen: „Selber!“,

0: die selber die Schuhe anziehen wollen, die  selber die Türklinke runterdrücken wollen,

0: die selber den Knopf in der  U-Bahn drücken wollen. „Selber!“

0: Einfach diese Selbstwirksamkeit. Und da  ist einfach ein Unterschied zu jemand,

0: der zum Beispiel vollständig gelähmt ist.

0: Das eine Extrem wäre, wenn ich sage:

0: „Ich habe alles unter Kontrolle und das ist  alles in meiner Macht“ – nicht meine Erfahrung.

0: Und das andere Extrem wäre: Es geschieht alles und es

0: ist entweder vorherbestimmt oder nur  ein chaotischer Ablauf von Impulsen.

0: In unserem Erleben ist da was, was wir  lieben und was sich stimmig anfühlt. Und

0: natürlich folgen wir dem, wenn  wir nicht gerade verwirrt sind.

0: Haben wir das gemacht, was wir lieben oder  wo es uns hinzieht? Scheint mir nicht so.

0: Und dann gibt es noch den Aspekt, dass das Denken  so eine Version von uns als Bezugspunkt nimmt.

0: Der Denker und Lenker, der Macher, auf  den das dann alles bezieht, was geschieht.

0: Und das ist einfach so eine  Art Stellvertreter-Ich,

0: was vielleicht nicht so viel mit dem zu tun  hat, was wir sind. Wie alles, was gedacht ist:

0: Es ist nicht die Wirklichkeit. Es  ist knapp an der Wirklichkeit vorbei.

0: Ein gedachter Apfel ist nicht greifbar wirklich.

0: Aber wir können Gefühle zu  einem gedachten Objekt haben.

0: Und so können sich unsere Gefühle auf  dieses Stellvertreter-Ich beziehen,

0: was ein nützlicher Bezugspunkt sein kann.

0: Aber das ist nicht der Entscheider,  wenn wir in unserem Erleben so schauen.

0: Oft entscheidet das für irgendwas und wir  tun was anderes. Es ist einfach nur eine

0: gedankliche Version und natürlich sind wir  komplexer oder vielleicht auch einfacher,

0: weiter als das, als was das Denken uns darstellt.

0: B] Ja, oft hört man ja auch dann so Sätze oder  redet man dann so, wenn etwas passiert, ja,

0: das habe ich anscheinend noch lernen müssen. Oder das Leben möchte,

0: dass das und das gesehen wird. Oder Dinge wiederholen sich.

0: Das heißt, es ist schon so auch  irgendwie das Empfinden oder beobachtbar,

0: dass es da irgendwas gibt, was auch  möchte, dass wir uns weiterentwickeln.

0: Weil ich kann zum Beispiel bei meinen Beziehungen,  wo es intensiv spürbar ist, dass das sehr oft

0: auch wiederholt worden ist, meine inneren  Abläufe oder wie ich Dinge sehen habe können.

0: Und wenn das dann irgendwie ein  bisschen anders betrachtet werden kann,

0: oft ist das auch mit Schmerz und mit  nicht so coolen Momenten verbunden,

0: weil Lernen passiert dann öfters auch so, dass  man aus solchen Erlebnissen einfach viel lernt.

0: Oder bei mir zumindest war es so.  Und dann kann sich was ändern.

0: Das heißt, das Leben, es passiert  schon so irgendwie, wie es passiert.

0: Und gleichzeitig ist das schon  auch, wie du auch gesagt hast,

0: so eine Möglichkeit, oder es  wird zumindest wahrgenommen,

0: als wäre ich dann der, der Dinge versteht  und der Dinge auch dann ändern kann.

0: D] Weißt du, das ist in gewisser  Weise, ja: Wie wollen wir das benennen?

0: Und „ich bin der, der das versteht“ ist ja  einfach mal ein ganz praktisches Kürzel,

0: im Gegensatz zu „Verstehen geschieht. Ja, für wen?  ja, diesen Organismus oder für niemanden“ oder so.

0: Und was du gesagt hast, ist: Ja, wir  haben bestimmte Muster, Gewohnheiten,

0: Arten der Aufmerksamkeit, Arten,  die Situation einzuordnen.

0: Ja, also zum Beispiel in Beziehungen  zeigt sich das sehr gern, dass immer

0: wieder dieselben Muster ablaufen, auch  wenn man mit jemand anders zusammen ist.

0: Und wenn diese Muster unsere  üblichen Reaktionsweisen sind,

0: erstens zeigen sie sich dann natürlich. Ja, vielleicht nicht von Anfang an,

0: aber sobald wir entweder uns  gewöhnt haben und es nichts

0: Besonderes mehr ist, was eine besondere Art  von Aufmerksamkeit fordert – oder fördert.

0: Zweitens ist es, dass wir merken,  dass diese Muster nicht besonders

0: gut funktionieren für diese  Beziehungen: dysfunktional,

0: weil einfach die Muster waren schon da, bevor  wir diesen Menschen kennengelernt haben.

0: Natürlich passt dieses Muster, wenn  das ein bisschen spezieller ist,

0: passt es halt einfach nicht. Also, ein Beispiel: „Ich habe mir in

0: meinem Leben viel zu viel bieten lassen,  aber damit ist jetzt Schluss!“ oder so.

0: Und der neue Mensch, mit dem wir zusammen sind,  hat damit einfach erst mal gar nichts zu tun.

0: Aber es gibt halt diese, in uns dieses,  je nachdem, wie wir es beschreiben,

0: wir können sagen, da ist dieses Muster, was  auf Gelegenheit wartet, eingesetzt zu werden.

0: Oder anders gesagt, die Aufmerksamkeit  ist darauf aus, wie eine Suchmaschine,

0: weißt du, „Werde ich schlecht  behandelt?“ zum Beispiel.

0: Wenn das der Suchbegriff ist, dann  finden wir eine Menge Anzeichen dafür.

0: Das heißt, diese Muster finden, suchen  und finden Anlässe anzuspringen. Und dann,

0: natürlich sind sie dann nicht  wirklich passend für die Situation.

0: Und das zu bemerken, ist ja  einfach mal echt viel wert.

0: Und natürlich gibt es was in uns, was auch  gern frei sein möchte von diesen Mustern.

0: Muster haben sowas, dass alles, was  wir erleben, ist irgendwie bekannt.

0: Ach ja, das schon wieder. Und  das muss noch nicht mal gut sein.

0: Aber wenigstens gibt es uns die Sicherheit,

0: dass wir wissen, woran wir sind. So eine Art Orientierung im Leben.

0: Und gleichzeitig gibt es was in uns, was  einfach mehr Gefühl für die Gegenwart hat,

0: mehr Gefühl für den Moment jenseits  von Mustern oder vor allen Mustern.

0: Und diese Seite von uns, natürlich sehnt die sich

0: nach direktem Erleben statt  gefiltert durch ein Muster.

0: Und natürlich will die frei sein von  einschränkenden Mustern und dem Stress

0: und von der Disharmonie, die die mit sich bringen.

0: Und deswegen könnte es sein:

0: Ja, es fühlt sich so an,  ich musste das jetzt lernen.

0: Anders gesagt, ja, wenn du dysfunktionale Muster  hast, dann merkst du, dass die dysfunktional sind.

0: Und dann gibt es die Gelegenheit, sie bewusst zu  machen und abzulegen und zumindest experimentell

0: mal zu schauen, wie ist es, wenn ich  mich nicht nach diesem Muster richte.

0: Und dann kommt was anderes zum Vorschein  oder zum Tragen, was einfach sehr viel

0: intelligenter mit der Situation umgeht. Weil jetzt-bezogen statt „Jetzt kriegen

0: es die Leute aus meiner Vergangenheit, kriegen  es jetzt heimgezahlt in Form von dieser Person!“

0: B] Um nochmal auf die Frage vielleicht  zurückzukommen, vielleicht könnte ich die

0: Frage anders stellen, ist gar nicht so wichtig,  ob jetzt alles so passiert, wie es passiert,

0: oder ob ich jetzt der Macher und der Tuer bin,  sondern eher so diesen neutralen Blick drauf:

0: Was ist jetzt?

0: Das klingt für mich so, als würde nämlich  dann die Frage nicht immer so relevant werden,

0: dieses Entweder-oder, sondern  dann geht es um etwas anderes.

0: Was ist jetzt? Und irgendwie, was passiert  dann auch damit? Was mache ich damit?

0: Was ist lebensfreundlich? Was mache ich dann?

0: D] Ein gemeinsamer Nenner ist zwischen  dem „Wie ist das Erleben jetzt“ und „Bin

0: ich denn derjenige, der was macht, ja oder  nein? Bin ich der Entscheider?“ ist einfach,

0: man kann diese Frage philosophisch  beantworten, ja, also theoretisch,

0: ich habe das und das gelesen und das klingt  irgendwie plausibel – oder im Erleben beantworten:

0: „Wie fühlt sich das an? Fühlt sich das an,

0: als wäre ich der Beobachter vom Tanz oder  fühlt sich das an, als würde ich tanzen?“

0: In sehr, sehr vielen Fällen scheint  mir das sinnvoll, darauf zu achten,

0: wie ist das Erleben? und das  als Orientierung zu nehmen.

0: Weil es im Erleben so wenig dieses  Entweder-oder und dieses Ausschließen gibt,

0: sondern da ist Lebendigkeit, und  aus der kommen sinnvolle Handlungen.

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