Sinn(e) des Lebens – Spielraum und Entfaltung
Shownotes
Der Sinn des Lebens gehört zu den großen Fragen, die Menschen stellen.
In diesem Gespräch entfaltet sich eine Perspektive, in der Leben als Prozess erscheint: Es erweitert seinen Spielraum, entwickelt immer mehr Möglichkeiten und erlebt sich selbst durch die Lebewesen, die Teil dieses Prozesses sind.
Menschen können wahrnehmen, entdecken, lernen und zusammenwirken. In diesem Sinn sind wir gewissermaßen die Augen, Ohren und Fühler des Lebens. Durch uns entsteht Erfahrung, Begegnung und gemeinsames Entdecken.
Das Gespräch führt von der persönlichen Frage nach Sinn zu einer größeren Perspektive auf Evolution, Lebendigkeit und Vielfalt – und zu der Erfahrung, dass Sinn im Erleben selbst spürbar wird.
Themen:
·Sinn des Lebens als gelebte Erfahrung
·Spielraum, Möglichkeiten und Evolution
·wir als „Sinnesorgane“ des Lebens
·Flow, Präsenz und Entdeckerlust
·Sicherheit und Freiheit als Grundlage von Entwicklung
·lebensfreundlich leben
·Vielfalt der Perspektiven
Mehr Informationen: https://dittmar-kruse.com/re-source
Transkript anzeigen
00:00:00: [B] Das heutige Thema,
00:00:01: lieber Dittmar, ist aufgekommen bei mir, als ich wieder mal ein österreichisches
00:00:05: Lied gehört habe. Und zwar gibt es eine Strophe, wo es heißt, oder ein Satz: "Du musst deinem
00:00:10: Leben einen Sinn geben, einen Schaß muss ich." Und deswegen die Frage heute,
00:00:16: was ist der Sinn des Lebens?
00:00:19: [D] Erstens … [B] Nein, natürlich bisschen überspitzt
00:00:28: die Frage auch, aber ich glaube, es kann eine spannende Frage sein, weil früher als Kind,
00:00:33: kann ich mich noch erinnern, als ich meine Mutter mal gefragt habe,
00:00:35: warum müssen Oma und Opa sterben? Weil sie waren die Ältesten,die
00:00:38: ich gekannt habe, und da war naheliegend,
00:00:40: Tod irgendwie schon mal gehört davon, dass sie sterben werden als nächstes.
00:00:43: Und dann ist bei mir schon so die Frage hochgekommen, immer wieder:
00:00:46: Was ist der Sinn des Lebens?
00:00:47: Warum sind wir alle da? Warum bin ich da? Und genau, deswegen wäre
00:00:52: das heute das Thema. [D] Meine erste Antwort wäre, dass es im
00:00:59: Leben die Gelegenheit gibt, das für sich selber zu fühlen: Was finde ich sinnvoll,
00:01:05: welchen Sinn will ich meinem Leben geben? Weil, wer soll das für uns entscheiden?
00:01:15: Der Priester oder ...? Und das ist schon mal das eine:
00:01:21: Sinn des Lebens ist, wenn sich das Leben sinnvoll anfühlt.
00:01:27: Meine Antwort, ich weiß nicht, ob ich die in ein paar Worte fassen kann.
00:01:33: Offensichtlich geht es im Leben darum, dass wir lernen, dass es eine Art Entwicklung gibt,
00:01:43: und dass wir lebendig sind. Und für mich fühlt sich das Leben
00:01:52: sinnvoll an, wenn ich Liebe fühle. Ich finde den Ansatz ganz interessant zu
00:01:58: schauen,was das Leben denn so getrieben hat die letzten Milliarden Jahre.
00:02:05: Sagen wir mal, seit vielleicht einer halben Milliarden Jahre gibt es Mehrzeller
00:02:11: und entwickelt sich immer größere Vielfalt im Leben und entwickelt das Leben einen immer
00:02:19: größeren Spielraum, immer mehr Möglichkeiten. Menschen haben unglaublich viel mehr Möglichkeiten
00:02:26: als Amöben und auch viel, viel mehr Möglichkeiten als Hunde.
00:02:35: Und Möglichkeiten heißt Freiheit, heißt Spielraum.
00:02:38: Wir haben eine Menge zu entdecken. Wir wissen, wie lange es das Leben
00:02:44: gibt, so ungefähr. Wir können verstehen,
00:02:48: wie das alles entstanden ist. Wir haben extrem viel gelernt.
00:02:52: Wir können das kommunizieren. Wir können gemeinschaftlich Wissen erschaffen.
00:02:57: Wir können Dinge gemeinsam entdecken. So was wie das Webb-Teleskop,
00:03:05: mit dem wir unwahrscheinlich weit sehen können und mega interessante
00:03:11: Dinge über fremde Welten entdecken können. Nie hätte das ein Mensch allein geschafft!
00:03:17: Das ist einfach ein Sinn vom Leben, dieses Zusammenwirken, das Zusammenspiel,
00:03:24: diese Vielfalt, die harmonisch ablaufen kann. Zusammenspiel heißt harmonisches Miteinander.
00:03:32: Das, scheint mir, ist, wohin sich das Leben entwickelt.
00:03:36: Evolution geht in Richtung Vielfalt, Spielraum erweitern, harmonisches Zusammenwirken.
00:03:46: Und all das scheint das Leben wirklich zu lieben.
00:03:50: Denn wenn wir mit anderen harmonisch zusammen sind, dann fühlt sich das wie Liebe an.
00:03:57: Wenn wir was Neues entdecken - wir lieben das. Wir lieben diese Klarheit,
00:04:04: auf die das Leben hinwirkt. Immer grö0ere Klarheit, immer klarere Wahrnehmung,
00:04:11: immer schärfere Sinne - wir lieben das! Das ist die Tendenz vom Leben, und das,
00:04:20: würde ich sagen, ist der Sinn des Lebens. Evolution.
00:04:27: Und in der Beschreibung klingt es so: Okay, da kommt man ja nie an! … so ungefähr.
00:04:31: Und das scheint aber auch nicht das Ziel des Lebens zu sein, irgendwo anzukommen,
00:04:36: sondern diese Entfaltung von "Dieser Moment ist natürlich schön genug, um schön zu sein - und
00:04:47: gleichzeitig ist er in Bewegung. Gleichzeitig passiert da ein
00:04:52: Lernen und eine Orientierung und eine Ausrichtung auf Schönheit und auf Sinn.
00:05:00: Und so könnte man sagen: Der Sinn des Lebens ist zu fühlen, was der Sinn des Lebens ist.
00:05:14: Oder zu erkunden, was der Sinn des Lebens ist. Zu erleben: Wann fühlt sich
00:05:19: das Leben sinnvoll an? Und das nicht dem Denken zu überlassen,
00:05:25: das solche Sachen sagt wie zum Beispiel: "Sinnvoll heißt, es muss zu was führen", und dann
00:05:32: sind wir in so nem Nur-Unterwegs-Modus sozusagen. Sinnvoll ist es, jetzt lebendig zu sein.
00:05:44: Alles, was wir haben, ist dieser Moment, durch den Zukunft durchrauscht und Vergangenheit wird.
00:06:01: Und da sind wir und es ist dieser Moment. Und was ich gerade über Zukunft
00:06:07: gesagt habe ist Vergangenheit. Und was ich als Nächstes sagen werde,
00:06:10: ist … jetzt Vergangenheit. Und da ist dieser Moment.
00:06:19: Lebendigkeit ist jetzt, ist live. [B] Ich würde gerne irgendetwas sagen und
00:06:31: beitragen, aber ich hör dir so gern zu und ich möchte einfach nur, dass du weiterredest.
00:06:34: Also entschuldige mich bitte, dass ich jetzt einfach schweigend da sitze.
00:06:41: Nein, ich finde das schon sehr schön, weil ich kann mich erinnern, bei mir war
00:06:46: das dann auch so irgendwie, die Frage war so präsent, vor allem als Jugendlicher.
00:06:52: Und dann ist sie irgendwie ein bisschen weniger geworden.
00:06:55: Oder diese Sucht nach einer Antwort ist weniger geworden auf einer Wort... Ebene mit Worten.
00:07:01: So dieses Erklärende ist weniger geworden. Und es ist mehr dieses Fühlen gekommen,
00:07:06: dieses so im Moment einfach so, ah, so. Und den Zug, den wir auch schon mal
00:07:13: besprochen haben in einer anderen Folge, mehr in diese Richtung.
00:07:17: Und ich empfinde das als sehr treffend und schön, dass du gemeint hast, so auch nicht mit
00:07:21: Worten das erklären zu wollen. So dieses: "Wenn ich jetzt das und
00:07:24: das erreicht habe oder dann …" hin und her, sondern wirklich das zu fühlen.
00:07:29: Und vielleicht über diese Ebene der Worte hinauszugehen und nicht diese Erklärung, die ich
00:07:35: ja auch gesucht habe, v.a. Jugendlicher extrem. Das Schöne ist, es passiert natürlich, weil ich
00:07:41: nicht gesagt habe, ich lasse das los, sondern es ist irgendwie einfach weniger geworden.
00:07:45: [D] Ich habe auch noch eine andere Beschreibung, also sehr kompatibel mit dem,
00:07:53: was ich gerade gesagt habe. Und die andere Beschreibung ist:
00:07:56: Wenn du das Leben als Ganzes auffasst, als diesen Prozess, der seit Milliarden Jahren läuft.
00:08:08: Das Leben in seiner ganzen Vielfalt, in all diesen Zellen und Organismen und Wesen.
00:08:15: Dann schaut das Leben jetzt gerade durch meine Augen, durch deine Augen.
00:08:20: Und wir sind einfach die Sinnesorgane vom Leben. Die Fühler des Lebens sozusagen.
00:08:28: Die Augen des Lebens und die Ohren des Lebens. Weil das Leben echt gern erlebt.
00:08:36: Weil das das Wesen vom Leben ist, zu erleben. Deswegen: Der Sinn des Lebens
00:08:42: ist jetzt zu erleben. Und weniger in diesem Modus:
00:08:48: "Was habe ich jetzt davon, wie profitiere ich, was bringt mir das, was ist da der Sinn?"
00:08:52: Auch das ist natürlich was, ein Teil des Lebens, den das Leben erfährt.
00:08:58: Und ein anderer Aspekt ist: Das Leben erlebt gerade das hier, als du, durch dich und mich.
00:09:10: Und die anderen acht Milliarden Menschen und 500 Fantastilliarden anderen Wesen.
00:09:18: [B] Und dass das Leben erleben möchte, sieht man ja perfekt auch bei Babys.
00:09:23: Da sieht man das eklatant, finde ich, wie diese Lust, die du beschrieben hast,
00:09:28: vom Leben eigentlich auf Erleben, sichtbar wird auch, dass das
00:09:32: Leben durch die Menschen erlebt. [D] Du siehst es bei Babys, du siehst es bei
00:09:39: Hunden, du siehst es bei frisch verliebten Menschen, du siehst es bei Touristen.
00:09:47: [B] Und auch bei jemandem, der voll in einer Sache aufgeht.
00:09:52: Ich kann mich erinnern zum Beispiel, wenn jemand gerne und gut kellnert oder so,
00:09:57: egal welche Position er hat oder was er macht, es kommt nicht auf die Tätigkeit genau darauf an.
00:10:02: Aber wenn das jemand gern macht, dann schaut das richtig fließend aus.
00:10:06: [D] Ja. [B] Ich tu mich jetzt schwer,
00:10:10: das zu beschreiben, aber deinem Ja entnehme ich, dass du greifen kannst, was ich meine.
00:10:15: [D] Ja, wir können das beschreiben als Flow, wir können das beschreiben als Präsenz,
00:10:21: als einfach in diesem Moment wirklich wach und lebendig zu sein,
00:10:25: wirklich aufmerksam und nicht nur distanzierte Beobachter,
00:10:28: sondern einfach mitwirken, mittanzen statt den Tanz beobachten.
00:10:43: Diese Freude am Entdecken, die Freude am Tun. Was du über Babys sagst, die lieben das,
00:10:51: ihren Spielraum zu erweitern. Und das ist das … einfach so
00:10:56: ein Wesen vom Leben ist: Da gibt es nen Spielraum,
00:11:00: da gibt es Freiheit, da gibt es "ich kann", da gibt es Möglichkeiten.
00:11:06: Und diese Möglichkeiten zu erkunden, das ist einfach Evolution pur.
00:11:13: In ner anderen Folge hast du von Verbundenheit und Autonomie geredet.
00:11:19: Da ist eine Polarität. Eine andere Beschreibung wäre:
00:11:23: Freiheit und Sicherheit. Das ist nicht ganz dasselbe,
00:11:26: aber es ist eine ähnliche Polarität, dass ein Baby natürlich in dem Moment,
00:11:31: wo es Angst kriegt, verliert es jede Entdeckerlust, jede Neugier oder sowas,
00:11:38: sondern geht es nur noch darum, irgendwie eine Gefahr zu vermeiden.
00:11:41: Und alle Fragen drehen sich nur darum: "Ist das eine Bedrohung oder nicht?"
00:11:49: Und deswegen: Ja, das Leben hat als Grundvoraussetzung eine gewisse Sicherheit,
00:11:58: dass unser Leib und Leben diesen Moment möglichst sicher übersteht.
00:12:05: Und dieses Sicherheitsbedürfnis ist in unserer Gesellschaft meiner Ansicht
00:12:12: nach so gut wie immer erfüllt. Es gibt andere Länder, andere Zeiten,
00:12:18: wo das ganz anders ist und wo das Thema dann nicht so sehr Spielraum ist,
00:12:25: sondern die Bedingungen zu schaffen, wo ich mich wieder sicher fühle,
00:12:29: um einen Spielraum zu erkunden. Und einen interessanten, schönen Spielraum,
00:12:36: nicht jeden Spielraum: "Oh, das habe ich noch nie gemacht, das probiere ich mal,
00:12:40: wie ist das, sich einen Arm abzusägen!" Das ist einfach …
00:12:48: Sondern einen schönen Spielraum zu erkunden, einen lebensfreundlichen.
00:12:53: Und das ist meine nächste Definition von: Was ist der Sinn des Lebens?
00:12:59: Lebensfreundlich zu leben. Freundlich zu dem Leben, was durch mich erlebt,
00:13:08: freundlich zu dem Leben, was in allem erlebt. Und zu verstehen: Da ist diese Vielfalt.
00:13:19: Und das heißt, es gibt verschiedene Meinungen dazu.
00:13:24: Es gibt jetzt Leute, die das hören und sagen: "Pff, wenn das so einfach wäre"
00:13:28: oder "Das sehe ich ganz anders" oder so. Ja! Vielfalt. Meinungsvielfalt, Artenvielfalt,
00:13:36: das ist das Wesen vom Leben. Unterschiedliche Wahrnehmungen.
00:13:41: Unser linkes Auge sieht anders als das rechte Auge. Anderer Standpunkt.
00:13:46: Und irgendwie ist hinter dem Ganzen ein Bewusstsein,
00:13:50: was durch diese verschiedenen Sinne erlebt.
00:13:56: Und nicht sagt: "Okay, das linke Auge hat recht, das rechte Auge liegt daneben."
00:14:05: Diese Vielfalt zu erkunden und diese Vielfalt zu
00:14:08: fördern und die Harmonie in dieser Vielfalt zu fühlen
00:14:11: und dieses Eins-Sein in dieser Vielfalt zu fühlen, das ist lebensfreundlich.
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