Tiefe bleibt – vom Sonnenuntergang zur E-Mail
Shownotes
Erleben von Weite – und dann E-Mails, Arbeit, Themen.
Sind das zwei Welten? Oder bewegt sich nur die Aufmerksamkeit?
Ausgangspunkt ist ein einfacher Kontrast: Sonnenuntergang und ein spielender Hund – dann das Formulieren einer Mail.
Daraus entsteht eine zentrale Frage: Verschwindet Tiefe wirklich? Oder ist sie das, was jede Bewegung der Aufmerksamkeit erlebt?
Wir sprechen darüber,
– dass die „tiefere Welt“ frei von Themen ist – wie sich Aufmerksamkeit zwischen Weite und Fokus bewegt – weshalb Verengung kein Verlust von Tiefe ist – was beim Konzentrieren geschieht – warum Sehnsucht nach Tiefe hilfreich sein kann – was bleibt, während sich Erleben verändert
Ein Gespräch über Aufmerksamkeit, Themenlosigkeit und die Lebendigkeit, die sich in jeder Erfahrung bewegt.
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Transkript anzeigen
00:00:01: [B] Das heutige Thema, lieber Dittmar, würde ich
00:00:04: als tiefere Welt und menschliche Welt
00:00:08: gern beschreiben. Was meine ich damit?
00:00:10:
00:00:12: Momente, die wir wohl alle kennen,
00:00:14: wo einfach alles passt. Da geht's nicht
00:00:15: darum, was gerade passiert, aber so ein
00:00:17: Gefühl von: „Es passt“. Es ist irgendwie
00:00:20: meistens friedvoll, ein friedvolles Gefühl ist auch
00:00:22: dabei. Und vor allem hat es recht
00:00:25: wenig mit Denken dann zu tun. Ist nicht
00:00:27: viel Arbeitsgedanken, nicht viel
00:00:29: Beziehungsgedanken, nicht viel … wenig
00:00:31: Denken, einfach so ein Gefühl für diese
00:00:35: tiefere Ebene, wenn wir diese Worte
00:00:37: wählen wollen. Und gleichzeitig gibt's
00:00:39: auch diese menschliche Welt, wo es
00:00:41: Beziehungsthemen gibt, wo wir
00:00:44: arbeiten müssen, wo wir uns um viele
00:00:46: Dinge kümmern müssen. Und was
00:00:51: ich gerne heute mit dir besprechen
00:00:52: wollen würde, ist diese Verbindung,
00:00:55: diesen Raum zwischen diesen Welten
00:00:57: zu schaffen. Diese tiefere Welt
00:00:59: irgendwie zu kennen und die nicht zu
00:01:01: vergessen, weil
00:01:04: das
00:01:06: hat schon Auswirkungen auf alles, wenn
00:01:07: man die überhaupt kennt und wenn man das
00:01:09: auch irgendwie nicht vergisst, dass
00:01:11: es das gibt. Und gleichzeitig
00:01:15: wie gesagt: in der menschlichen Welt und
00:01:17: Anführungsstrichen sich auch
00:01:18: zurechtzufinden und im besten Fall ganz
00:01:21: gut zurecht zu finden.
00:01:23: [D] Mhm. Sagen wir mal, der Unterschied ist
00:01:26: zwischen
00:01:29: Themen, ja? – wie du gesagt hast,
00:01:31: Beziehungsthemen, Arbeitsthemen und so –,
00:01:34: und die tiefere Welt hat keine Themen.
00:01:39: [B] Genau.
00:01:41: [D] Deswegen
00:01:42: gibt es nicht viel zum drüber
00:01:44: Nachdenken, nichts zum Planen, sondern
00:01:46: es einfach nur offen sein für diesen
00:01:49: Moment, der sich dann überraschend schön
00:01:54: zeigt, wenn er keine Themen hat, keine
00:01:57: Bedingungen erfüllen muss.
00:02:01: Sehr friedlich, sehr klar.
00:02:04: [B] Mm, vielleicht auch noch ein praktisches
00:02:06: Beispiel, wo das noch klar rauskommt:.
00:02:08: Ich sitze auf meinem Van auf der
00:02:10: Terrasse, die Sonne geht unter, ich hab
00:02:13: glaube Musik gehört, äh mein Hund ist
00:02:15: unten, läuft herum und
00:02:19: es war einfach so ein Friede, so eine
00:02:22: Ruhe, so eine Stille, so
00:02:25: das, was du jetzt auch als tiefere Welt
00:02:27: beschrieben hast.
00:02:29: Und dann kann es aber sein, eine halbe
00:02:31: Stunde später, dass dann man Mails
00:02:35: beantworten muss und wieder so
00:02:37: reingezogen wird natürlicherweise, weil
00:02:39: man möchte ja irgendwie Teil von, also
00:02:41: ich möchte in der sozialen
00:02:44: Welt Teil davon sein. Ich möchte mein Geld
00:02:47: verdienen, ich möchte
00:02:49: zu Konzerten gehen, Essen gehen und so
00:02:50: weiter. Aber das, diese
00:02:55: diese Verbindung zu schaffen zwischen
00:02:58: diesen beiden Welten.
00:03:01: [D] Ja, wenn es darum geht, Mails zu
00:03:05: beantworten und so – natürlich kommen
00:03:08: dann Gedanken ins Spiel,
00:03:11: weil du was schreiben willst bei der
00:03:14: Mail. Ja, was schreibst du sind Worte.
00:03:18: Also, was du denkst sind Worte.
00:03:22: Und natürlich macht es eine andere Art
00:03:24: der Aufmerksamkeit. Auf dieselbe Art,
00:03:26: wie wenn du den Sonnenuntergang
00:03:30: genießt, ist es was anderes als wenn
00:03:34: du im Hagelschauer bist.
00:03:38: Das ist einfach ein bisschen anderes Gefühl.
00:03:41: Ja. Und das heißt, es passiert was
00:03:46: mit der Aufmerksamkeit, wenn du am
00:03:48: Formulieren bist. „Sehr geehrte Frau so
00:03:51: und so“. Ja, das ist einfach …
00:03:53: braucht halt eine andere Art der
00:03:54: Aufmerksamkeit.
00:03:56: Diese Erfahrung zu machen ist: Ja, es
00:03:57: gibt verschiedene Arten der
00:03:58: Aufmerksamkeit. Wenn ich was überlege,
00:04:01: ist die Aufmerksamkeit mehr bei Gedanken
00:04:03: als wenn ich meinem Hund beim Spielen
00:04:06: zuschaue.
00:04:09: [B] Mhm.
00:04:11: [D] Und … Aber ich bin in Kontakt mit dem
00:04:14: Hund zum Beispiel. Ich bin in Kontakt mit dem
00:04:17: Sonnenuntergang, mit dem Blick aufs Meer
00:04:20: und mit dem Gefühl von dem Van unter mir
00:04:24: und so. Und so bin ich auch in Kontakt
00:04:26: mit den Gedanken, die da auftauchen.
00:04:29: Das ist nicht genau derselbe Kontakt, aber
00:04:31: es ist auch nicht derselbe Kontakt
00:04:32: zwischen dir und dem Sonnenuntergang
00:04:34: oder zwischen dir und dem Hund.
00:04:38: Ja, es ist einfach ein bisschen anderes
00:04:40: Gefühl. Und was gleich bleibt, ist das
00:04:45: Bemerken wie sich das gerade
00:04:47: anfühlt.
00:04:50: [B] Mhm.
00:04:53: [D] Das ist immer da. Das kann mehr im
00:04:55: Hintergrund sein, wie sich das anfühlt
00:04:57: vor Formulieren oder so, aber es ist –
00:05:01: weißt du, sonst würdest du nicht merken,
00:05:02: dass dir das z.B. keinen Spaß macht,
00:05:04: wenn da nicht ein Gefühl wäre.
00:05:07: Ja? Also das was fühlt, diese Art von
00:05:10: Aufmerksamkeit ist immer da. und hat
00:05:13: nicht … Dadurch, dass ein Thema im
00:05:14: Vordergrund ist, hat dieser Hintergrund
00:05:16: nicht wirklich ein Thema.
00:05:20: [B] Aber ich glaube, es ist diese Sehnsucht
00:05:22: nach mehr Hintergrund, also dieses
00:05:25: Wissen, er ist eh da, aber irgendwie
00:05:27: diese Sehnsucht nach; Mich zieht's mehr
00:05:30: in diese ruhigere, friedvolle … oder nennen wir
00:05:34: es ruhigere
00:05:36: „Welt“, haben wir vorher gesagt.
00:05:38: Aufmerksamkeit.
00:05:39: Also dieses
00:05:42: Bedürfnis nach mehr davon.
00:05:45: Vielleicht da gerade … vielleicht auch für
00:05:47: mich einfach extremer zu spüren diese
00:05:49: Unterschiede, weil es mich da sehr
00:05:51: hinzieht und weil gerade sehr viel
00:05:53: beruflich war. Vielleicht auch deswegen
00:05:55: noch eklatanter, diesen Unterschied zu
00:05:57: merken und dann noch mehr Bedürfnis nach
00:05:59: der Variante ohne viel Denken.
00:06:00: [D] Ja, und das zu fühlen ist super
00:06:02: hilfreich. Weil die Sehnsucht hat
00:06:08: einen Zug.
00:06:12: Es ist leicht diesem Zug zu folgen.
00:06:15: Statt z.B.
00:06:18: wie es viele Leute machen: „So, jetzt habe
00:06:20: ich Mails beantwortet, hat mich so
00:06:23: mittel angekotzt.
00:06:25: Und jetzt bisschen Internet, ja,
00:06:27: bisschen Smartphone oder was auch immer.“
00:06:30: Ja? Dass wenn man schon in Gedanken ist,
00:06:33: das sozusagen fortzusetzen,
00:06:36: statt diese Sehnsucht zu fühlen und aus
00:06:39: dieser Sehnsucht raus kann das sein …
00:06:42: Weißt du, z.B. angenommen, du schreibst –
00:06:46: wie ich das früher gemacht habe, als
00:06:51: es kein Internet gab, da habe ich
00:06:53: Liebesbriefe geschrieben, nicht so
00:06:55: wahnsinnig viele, aber es kam vor. Ja?
00:06:58: Und das ist einfach auch
00:07:00: Formulieren, ja, oder ein Gedicht zu
00:07:02: schreiben oder irgendwas, einen schönen
00:07:06: Gedanken aufzuschreiben ist einfach auch
00:07:08: Formulieren. Ja, nicht wirklich ein
00:07:11: Hindernis für irgendwas.
00:07:13: Was ist die Schwierigkeit oder was ist
00:07:16: das, was irgendwie sich komisch anfühlt
00:07:17: beim Formulieren oder beim Texte
00:07:20: schreiben oder was auch immer? Das ist,
00:07:24: dass sich die Aufmerksamkeit so verengt,
00:07:26: als gäbe es jetzt nur noch diese Worte.
00:07:30: Ja? Und das ist was, was wir gelernt
00:07:32: haben, in der Schule spätestens, als
00:07:34: Konzentrieren: auszublenden, wie es
00:07:36: dem Körper gerade geht oder wo wir gerade
00:07:38: sind, sondern einfach nur diese Zeile in
00:07:41: diesem Buch zu lesen. „Konzentriere dich,
00:07:44: löse diese Matheaufgabe!“ oder so. Und
00:07:48: zum Beispiel während du diese Mail
00:07:51: schreibst, sitzt du immer noch an einem
00:07:54: schönen Platz
00:07:56: und bist immer noch lebendig und so
00:07:59: weiter. Und es könnte sein, weißt
00:08:02: du, dass das eine Ausdrucksform ist von
00:08:06: dieser ursprünglichen themenlosen
00:08:11: tiefen Welt, ja, dass das einfach du
00:08:15: die da mit reinnehmen kannst oder
00:08:19: reinlassen oder ranlassen. Dass
00:08:23: diese themenlose Aufmerksamkeit ist, was
00:08:26: diese Mail schreibt.
00:08:32: Das ist nicht da ist plötzlich
00:08:35: Arbeits-Bernd oder sowas, sondern das
00:08:37: ist einfach eine Art der Aufmerksamkeit
00:08:40: für Mailschreiben, so wie … ähnlich wie
00:08:44: Liebesbrief schreiben oder mit
00:08:48: einem Menschen sprechen.
00:08:52: Weißt du, das ist auch nicht irgendwie „jetzt
00:08:54: habe ich mit dem Menschen gesprochen,
00:08:55: jetzt ist die Welt nicht mehr themenlos“
00:08:57: oder so, ja, oder „jetzt ist die Tiefe
00:08:59: verschwunden“. Weil du kennst das
00:09:01: vielleicht auch aus unseren Gesprächen
00:09:03: unter anderem, ja, dass Sprechen auf
00:09:07: diese Themenlosigkeit hinweisen kann,
00:09:10: die fühlbar machen kann und so.
00:09:12: Also, das ist nicht wirklich eine … sind
00:09:15: nicht zwei verschiedene Welten in dem
00:09:16: Sinne.
00:09:19: Und in gewisser Weise könntest du sagen:
00:09:21: Jede Situation ist so eine Art Thema
00:09:24: in dieser Themenlosigkeit.
00:09:29: Eine Metapher für diese
00:09:34: Freiheit und Weite des Erlebens,
00:09:41: in der sich die Aufmerksamkeit auch mal
00:09:43: verengen kann, ja? Aber auf dieselbe Art
00:09:45: wie: Angenommen, du schaust aufs Meer.
00:09:49: Ja? Und da ist diese Weite – und dann
00:09:51: siehst du einen Delfin. Und deine
00:09:54: Aufmerksamkeit macht „fupp!“ und ist auf diesem
00:09:56: Delfin.
00:10:01: Das ist nicht „dieser verdammte
00:10:03: Delfin hat mich jetzt von der Weite
00:10:04: abgelenkt!“, sondern einfach
00:10:08: diese Bewegung in der
00:10:11: Aufmerksamkeit, das ist Lebendigkeit.
00:10:13: [B] Ich
00:10:18: glaub, die Beschreibung, die ich gewählt
00:10:19: habe mit dieser tieferen und
00:10:20: menschlichen Welt
00:10:23: war ein Versuch, das zu trennen auch, aber
00:10:26: jetzt wenn wir so sprechen und ich dir
00:10:27: zuhöre, wird wieder immer klarer oder
00:10:30: wird einfach, dass da es da keine
00:10:32: Trennung gibt, so wirklich, dass es dass
00:10:35: es ein Erleben ist, eine Welt ist und
00:10:39: nicht dieses „Jetzt bin ich in dieser
00:10:40: Welt, jetzt bin ich in dieser Welt“, nur
00:10:42: weil es sich so anfühlt, das andere
00:10:44: vielleicht so: „Wah, mag ich jetzt nicht mehr!“
00:10:46: Keine Ahnung. Also ja,
00:10:49: ich glaube allein meine Beschreibung hat
00:10:51: drauf hingewiesen, dass da eine Trennung
00:10:52: zu sein scheint und deine Beschreibung
00:10:54: hat gezeigt, es gibt eigentlich keine
00:10:55: Trennung.
00:10:57: [D] Es gibt verschiedene Arten der
00:10:59: Aufmerksamkeit. Also wie weit ist
00:11:01: die Aufmerksamkeit? Ja, die eine
00:11:05: z.B. ist am Formulieren, wie gesagt, und
00:11:07: gleichzeitig aber ist da vielleicht
00:11:09: noch so ein Meta-Kommentar dazu, der
00:11:12: sagt, „ich habe überhaupt keine Lust auf
00:11:13: E-Mail schreiben“ oder was auch immer.
00:11:16: Und in gewisser Weise sind das
00:11:19: einfach auch nur Ausdrucksformen vom
00:11:22: Leben, auf dieselbe Art wie der Delfin
00:11:26: oder der Hund oder der Sonnenuntergang.
00:11:33: Weißt du, du bist am
00:11:36: Strand z.B. Sagen wir, du gehst am
00:11:38: Strand spazieren und da ist irgendwo ist
00:11:40: ein Fisch verendet , und dann stinkt
00:11:44: das halt jetzt für die nächsten 50 Meter.
00:11:49: und dann riecht's wieder frisch. Ja,
00:11:54: keine große Sache. Das ist nicht
00:11:56: irgendwie „der Fisch hat mir jetzt den
00:11:57: ganzen Tag versaut, ja, den ganzen
00:12:00: Urlaub. Das ganze Meer ist entwertet
00:12:03: wegen einem toten Fisch“ oder so, sondern
00:12:06: einfach …
00:12:07: Meine Erfahrung ist, es gibt immer
00:12:11: wieder mal tote Fische irgendwo.
00:12:15: „Mei, was für ein schöner Spaziergang! Au,
00:12:16: jetzt bin ich auf eine Scherbe getreten!“
00:12:22: Und weiterhin ist da diese
00:12:25: Aufmerksamkeit, von der aus
00:12:29: wir Themen erleben können, und auch
00:12:31: erleben können, wie sich die
00:12:33: Aufmerksamkeit dann auf etwas
00:12:35: zusammenzieht, auf einen Schnitt im Fuß,
00:12:38: auf einen toten Fisch, auf den Delfin, auf
00:12:41: den Sonnenuntergang.
00:12:42: [B] Mhm.
00:12:44: Mhm.
00:12:45: [D] Aufmerksamkeit bewegt sich.
00:12:50: Und diese Bewegung zu bemerken ist
00:12:54: themenlos, um es so zu sagen.
00:12:59: Einfach ein Gefühl für Lebendigkeit. Und
00:13:01: Lebendigkeit ist in Bewegung,
00:13:06: wie die Aufmerksamkeit.
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